Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113006--0923-3113284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
265 was ahnten sie davon in all diesen Jahren, was seine Seele bewegt, sein Inneres durchwühlt hatte? Alle diese bangen Zweifel und Fragen! Was verstanden sie von dem heißen Lebeusdrange, der in ihm gährte, sie — die Toten, die längst Abgestorbenen. Abgestorben für diese Welt des Neuen, Großen, Gewaltigen, für diese Welt des Schönen, Erhabenen, für dieses wundervolle, starke, mächtige Leben, das da draußen pulsirte und von dem er getrennt war durch einen Wall von Vorurtheilen und Beschränktheit . . . Er rang nach Fassung. Konnte es anders sein, hier in diesem verborgenen Plätzchen, bei diesen gealterten, uralten Menschen ... er blickte wie aus weiten Fernen den Vater^ und die Mutter an, als sähe er sie heut zum ersten Male. Er fühlte, daß es keinen Zusammenhang mit ihnen gäbe, keine Brücke, die hinüberführte von dem Üfer, an dem er stand und dessen Pfade hinausführten in das freie, sonnige Land, nach dem Ufer, an dem sie waren und das Totenreich der Vergangenheit bewachten. Und dennoch liebte er sie, liebte er sie mit dem großen Mitleid einer reinen, gütigen Seele. Auch jetzt vermochte er nicht, sie zu betrüben. Und er, der herbeigeeilt war, ihnen Alles zu sagen, was in ihm gährte, und einmal, nur einmal die Pein seines Herzens vor ihnen auszusprechen, suchte sich zu beruhigen und seiner Erregung Herr zu werden. „Was hast Du, Benjaminleben?" fragte die Mutter noch einmal. Das Wort that ihm weh . . . dieser Ausdruck zärtlicher Schwachheit. Aber er bezwang sich. „Nichts, Mutter! gar nichts! Ich bin nur so rasch gegangen auf dem Rückwege von der Universität und außer Athem gekommen." „Darum warst Du so totenblaß?" „Ja, darum!" „Was läufst Du aber ä so?" sagte der Vater leise verweisend, „man geht hübsch langsam und ruhig über die Straß und jagt nich ä her, wie ä wildes Pferd..." „Hübsch langsam und ruhig . . ." wiederholte er für