Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Wien und Berlin . . . und studirt hat er. Ausstudirt. Nix mehr von ihm gehört hat man. Und neilich erzählt Löbl Grösser, er Hab' in Halle beim Professor Johannes Heilpern Vorlesungen angehört ... zu sein Vergnügen über die Herzthätigkeit. Er sei der berühmteste auf dem Gebiet, ein alter Mann schon, aber ä Genuß ihn reden zu hören, gedrängt voll is bei seine Vorlesungen und wer is Johannes? Josna Heilpern aus Ungarisch-Brod!" „Wie so weiß Du?" „Löbl hats gesagt. Ä „geschmatter" Jud is der Professor, hat er gesagt. Man merkt ihm aber nix an. Und wie mer hab'n hin und her geredt is rausgekommen, daß es is Josua, von der Chaussee in Märkisch Friedland" . . . „Schma beni!" So waren sie in diesem ungewöhnlich langen Gespräch bei ihrer eigenen Jugend angekommen. Plötzlich trat Benjamin in das Zimmer. Grau und bleich fiel die Dämmerung durch die kleinen Fensterscheiben ein. Die beiden Alten verharrten einige Augenblicke in erinnerungsvollem Schweigen. Er war totenblaß. Erschrocken sprang die Mutter auf. „Was is passirt? Um Gottes willen, wie siehst Du aus, Benjaminleben?" Wie geistesabwesend blickte er zu den Eltern hin. Auch der Vater hatte sich mühselig erhöben und stand, die zitternde Hand auf den Folianten gestützt, vor dem alten, abgesessenen Lehnstuhl, in dem er beinahe sein ganzes Leben verbracht hatte, lehrend und lernend. Das Bild der beiden alten Leute trat vor ihn hin, wie sie bangend und zagend um ihn, dastanden, rathlos und hilflos die fragenden Blicke auf ihn gerichtet. Was hatte er erwartet, als er so hereinstürmte, getrieben von seinen unruhigen, peinvollen Empfindungen? Hatte er gehofft, hier Trost und Verständniß zu finden? Hier, wo chn niemand verstand — niemand verstehen könnte, selbst wenns am guten Willen dazu nicht gefehlt hätte. Wie bei der Mutter sicherlich. Was wußten sie von seinem Fühlen und Kämpfen