Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113006--0917-3113278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 Zeit seines Schulbesuches hatte dies bewirkt, grade als er damals versuchte, sich seinen Mitschülern etwas zu nähern. Sein angebeteter Lehrer hatte nämlich einmal, als er eine besonders gute Arbeit gemacht hatte, zu den übrigen gesagt: >,Warum nehmt Ihr euch kein Beispiel an Herzberg? Er ist nur ein Jude und hat immer die besten Arbeiten." Dieses „Nur ein Jude" hallte in ihm seitdem stets nach, wie eine Aechtung den andern gegenüber und machte ihn völlig einsam. So vergingen die Jahre in einem lethargischen Stillleben, nur unterbrochen durch kleine Familienereignisse, die in weiteren Kreisen der Angehörigen eintraten, oder den Besuch der Geschwister und die Heilighaltung der Sabbathe und Feiertage. Aber auch in alle dem lag etwas Gleichmäßiges, Ruhsames. In Gebet und Ceremonie, im Essen und Trinken, ja sogar in Tracht und Rede. Immer das Gleiche. Der Vater im langen Rock, das Haar vor den Ohren leicht gedreht, das Sammetkäppchen auf dem würdigen Haichte, jahrein, jahraus. Er ging garnicht mehr aus und verließ das Haus nur, um in die in einer benachbarten Straße gelegene Synagoge zu gehen. Die Mutter im grauen Lüsterkleid, schlicht und einfach, mit einer schwarz wollenen Schürze in der Woche und einer seidenen an Sabbath- und Festtagen. Die weiße Spitzenhaube mit den gelben Bändern um das liebe, sanfte Gesicht. So kannte er die Eltern, seit überhaupt eine bestimmte Vorstellung sich bei ihm gebildet hatte, aus frühester Kindheit, so, nie anders — nie. Und die Menschen die kamen und gingen, immer dieselben, nur andere Namen trugen sie. Talmudbeflissene, Schüler, die nach einigen Jahren andern Platz machten. Generation auf Generation. Aber sie dachten dasselbe und thaten dasselbe und sie lernten dasselbe, mit dem gleichen Tonsall und dem gleichen Wortlaut, und was sie sagten, war von demselben Geiste erfüllt. Unter denselben Gesichtswinkeln betrachteten sie die Welt und sogar dieselben Witze erzählten sie. Er hatte schon so viele darüber lachen gehört, andere immer, aber immer über dasselbe. Es schien, als ob das Leben stille gestanden wäre an diesem Erdenwinkel. Eine heimliche, ganz heimliche, verborgene Welt. Zu der nur die Eingeweihten Zutritt hatten. Eine kleine Gemeinde, die des Alltags Wirren und Kämpfe 17*