Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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260 draußen ließen und mit leisem Schritt eintraten, auf weichen Sohlen, wie der Muselmann, wenn er zum Dienste Allahs die Moschee betritt. Etwas weiches, verweichlichendes lag in dieser Atmosphäre, wie von den müden, schlaffen Lüsten des Orients! Und dort über des Orients geheiligten Büchern der Vater —hier, mitten im Herzen Europas! Denn draußen fluthete das große, gewaltige Leben vorüber, mit seinen tausendfältigen Erscheinungen. Mit seinem Glanz und seiner Schönheit, mit seinen Lastern und seinem Elend, fortgerissen, fortgetrieben von den übermächtigen Hebeln neuer, wunderbarer, großer Erfindungen, durchsetzt von einer Fülle erhabener, erstaunlicher Gedanken. — Von seinem Platz am Fenster beobachtete er den immer mächtiger anwachsenden Verkehr; wenn er auf die Straße kam, athmete er mit vollen Lungen diese berauschende Luft ein und empfand in ahnungsvollen Schauern den Pulsschlag des rastlosen Lebens. Hell und frei erschien ihm hier Alles und dort, wie in tiefster Finsterniß. Ihn schauderte. Er kam sich vor, wie ein Undankbarer, Verworfener. Rührend tauchten in solchen Momenten die Gestalten der Eltern vor ihm auf — aber wie aus einer andern Welt erschienen sie ihm, wie theure Abgeschiedene, und mit Entsetzen erkannte er, daß er der Lebende neben ihnen weile — daß er mit „Toten" in steter Gemeinsamkeit sei! Unter diesen gegensätzlichen Eindrücken war er vom Knaben zum Jüngling herangereift. Den Mitgliedern der Familie stand er ganz fremd gegenüber. Er hatte mit den so viel älteren, fernen Geschwistern gar keine Fühlung und auch mit deren Kindern keinen Zusammenhang. Kamen sie manchmal als Gäste ins großelterliche Haus, so hielt er sich scheu von ihnen fern, und niemand verstand den „Onkel Benjamin". Sein Schwager, der Rabbiner aus Schlesien, hatte einmal versucht, ihm Vorhaltungen zu machen und sich angeboten, ihn aus einige Wochen zu sich ins Haus zu nehmen. Aber Benjamin hatte ihn mit großen erschreckten Blicken angesehen und gesagt: „Ich verstehe Sie nicht . . . ich störe niemanden und gehe still meines Weges, meine Gedanken gehören mir und die lasse ich mir nicht nehmen" . . . wie eine plötzliche Energie war es über ihn gekommen, der aber bald eine um so größere Abspannung folgte. Er war damals in Oberprima und der Arzt erklärte, er sei überarbeitet und nervös, man