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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 257

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 257 (sequence 25)
Language
German
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257 blieb. Das machte sich zunächst nicht störend bemerkbar, denn Benjamin hatte nichts von dem lauten Kinderfrohsinn und der Lebhaftigkeit anderer Knaben seines Alters. Er war still und nachdenklich. Seine großen, blauen Augen richteten sich mehr fragend als verlangend aus die Dinge, die ihn umgaben, und wie geweitet, träumerisch in unbestimmte Fernen gerichtet, erschienen sie oft. Aber in der ganzen Erscheinung war die selbe unbewußte innere Schönheit wie sie die Mutter einst besessen, und wenn sie ihn dann so sah, da empfand sie jubelnden Herzens, daß er zu chr gehöre, trotz der verschiedenen, äußeren Merkmale. Er hatte auch oft den lächelnden Gesichtsausdruck wie sie — aber merkwürdigerweise gerade das sah sie nicht gern, denn es lag dann etwas wehmüthiges, sehnsuchtsvolles in diesem Lächeln, das sie nicht zu deuten wußte. Einmal war dieser Ausdruck im Antlitz des in stillen Gedanken vor sich hinträumenden Knaben sogar Reb Schlaume ausgefallen und er sagte am Abend zu seiner Frau: „Weißt Du, Rebekkaleben, Benjaminchen sieht manchmal so aus, wie Du lachst, wenn Du weinst." Er erinnerte sich jetzt öfter der Schmerzensmiene im lächelnden Gesicht seiner Frau. Benjamin war zehn Jahre alt, als er in die Schule kam. Ein Seminarist hatte ihn bis dahin zu Hause unterrichtet und für den Eintritt in die Quarta des Gymnasiums vorbereitet. Wie in eine andere Welt versetzt, erschien er sich, als er inmitten einer Anzahl gleichaltriger Knaben unterrichtet wurde. Bisher hatte er nur mit Erwachsenen gelebt, den alternden, einer längst vergangenen Zeit angehörenden Eltern und den über ihren Talmudstudien alles vergessenden Schülern des Vaters. Es war niemandem eingefallen, daß er Spielkameraden, Gefährten in seinen Jahren hätte haben müssen. Und nun brach das Neue, Unbekannte mit einmal über ihn herein und erfüllte ihn mit bangem Staunen. Der Lehrer, eine urgermanische Gestalt, mit einer starken, metallischen Stimme, das Hochdeutsche scharf accentuirend, um den Kindern die sprachlichen Wirkungen recht klar zu machen, schien ihm ein von Gott eingesetzter Führer der Jugend. Er war so ganz anders, wie sein lispelnder Freund, der ihn in die Geheimnisse der lateinischen Gram- 17

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