Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 256 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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256 und las mit murmelnder Stimme: „Als nun Abraham neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm. . . Und ich will meinen Bund mit Dir machen und Dich sehr mehren..." Als Benjamin vier Jahre alt war, fing er schon zu lernen an, und als der Großvater Elieser zur Hochzeit Schwester Hannchens kam, konnte er ihm schon ein Blatt aus dem „Chumesch" vorsagen. Benjamin war nicht nur das schönste, sondern auch das klügste Kind in der Familie — . nein, in der Welt. Derartige Vorstellungen nisteten wohl im Herzen der Mutter. Und wenn sie in ihrer schlichten, bescheidenen Art auch von solchen Gedanken nichts laut werden ließ, so leuchtete ihr Auge doch auf, wenn sie den Knaben betrachtete, wie er über seinem Buche saß, ben Kops geneigt, um den die langen, blonden Locken herabfielen, glänzend wie gesponnenes Gold. Seine schlanken, geschmeidigen Bewegungen entzückten sie und verstohlen liebkoste sie die weiche, sammetartige Haut seiner hellen, rosigen Wangen. Und dann ertappte sie sich manchmal auf dem Gedanken, daß er ganz anders sei wie alle ihre anderen Kinder. Mit niemandem sei Benjamin zu vergleichen, der so verschieden war von ihnen und auch von allen anderen jüdischen Kindern, die sie kannte, und der aussah wie — ein Goj l Scheu und Schreck überfielen sie bei solchen geheimen Betrachtungen und fast ängstlich sah sie ihn dann von der Seite an, wie etwas fiemdes, nicht zu ihr gehöriges. Dann aber pries sie wieder mit demütigem Stolze Gottes Gnade, der es so schön gebildet und ihren Leib gesegnet hatte, daß sie einen Auserkorenen gebäre, wie Sarah den Isaak, mit dem Gott einen ewigen Bund aufgerichtet und mit seinem Samen nach ihm. Und sie sah im Geiste Benjamin groß und mächtig werden in Israel. Der Knabe wuchs heran zur Freude der Eltern und aller, die ihn kannten. Alle umgaben ihn mit besonderer Zärtlichkeit und die Schüler, die um Reb Schlaume sich sammelten, beschäftigten sich gern mit dem aufgeweckten Kinde, das, nachdem nun auch die jüngste Schwester an ihren eigenen Herd gezogen war, allein mit den gealterten Eltern zurück-