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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 255 (sequence 23)
Language
German
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255 Also auch Urenkelfreuden waren in Sicht. Das Glück in diesem stillen Winkel schien unerschütterlich. Und dennoch — auch hier nagte der Wurm, der der Vergänglichkeit der Dinge, leise bohrend, die Pfade bereitet. Unermüdlich. Wühlend und zerstörend bei seiner unsichtbaren Arbeit. Unhörbar fast. . . nur manchmal durch ein kaum vernehmliches Geräusch sich ankündigend, um dann, scheinbar plötzlich, über Nacht Tempel zu stürzen und blühende Gefilde in Trümmerfelder zn verwandeln. Reb Schlaume Herzbergs Haus schien so ein blühendes Gefilde, aber seit einiger Zeit bohrte der Wurm vernehmlich. Sie hatte das Geräusch schon einige Male gehört. In ihrem Herzen erklang es: ein richtiger Bocher war er nie.. . ihr Jüngster. . ., ihr Herzblatt. . ., ihr Benjamin! Benjamin Herzberg war ein Nachgeborener. Zu einer Zeit, als Frau Rebekka kaum noch aus weitere Mutterfreuden glaubte hoffen zu dürfen, war er zur Welt gekommen. Sie stand damals in ihrem 48. Lebensjahre und Hannchen, das jüngste Kind, war bereits eine heirathsfähige Jungfrau, als Bruder Benjamin erschien. Der Ankömmling wurde freudig begrüßt und die noch immer holdselige Frau Rebekka, der man nicht ansah, wie viel Jahrzehnte über ihren züchtig bedeckten Scheitel dahingegangen waren, empfand etwas wie von dem keuschen, geheimnißvollen Reiz erstmaliger Mutterschaft und umschloß den Neugeborenen mit heißer Liebe. Der kleine Knabe wurde von der Stunde der Geburt an der Verzug im Hause. Die junge Schwester pflegte und hätschelte ihn, die von der Ferne herbeikommenden Geschwister betrachteten ihn wie ein seltenes Kleinod, und neidlos erkannten Schwiegertöchter und Schwiegersöhne an, daß es kein schöneres Kind gebe als Benjamin, und daß sogar ihre eigenen Kinder hinter dem kleinen „Onkel" weit zurückblieben an körperlichen und geistigen Vorzügen. Benjamin war eben ein Wunder. Selbst Reb Schlaume sah über seiner Hornbrille hinweg mit einer gewissen naiven Bewunderung nach diesem Spätgeborenen, und schmunzelte vergnügt, wenn der Kleine in seinem weißen, gestickten Kissen durch sein Zimmer getragen wurde. Dann aber vertiefte er sich womöglich mit noch frömmerem Eifer in die heiligen Schriften

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