Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 21)
- Language
- German
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253 fromme, abgeschlossene Welt. Für das Leben der Bachurim hatte sie die wärmste Theilnahme und stand ihnen mit Rath und That bei. Wenn einer der oft sehr früh der eigenen Familie entfremdeten zu ihr kam, so durfte er sicher sein, jeder Zeit ein williges Ohr für seine Wünsche bei ihr zu finden. Und wie sie sich für seine persönlichen Angelegenheiten interessirte und sich in mütterlicher Fürsorge für sie bemühte, so fanden sie in den privaten Studien bei ihrem Manne die Gelegenheit, ihr Wissen zu erweitern, um neben der schulmäßigen Lehre ihren vertieften, geweiteten, unendlichen Inhalt auszuschöpfen in freien, nicht programmatischen Auslegungen. Manch einer der nachmals bedeutenden deutschen Rabbiner hat dort seinen Geist geschärft in tiefen und feinspürigen Talmuddeutungen. Reb Schlaume aber war in seinem Element und seine Frau sehr beglückt. Auch ihre Hoffnung in Bezug auf ihre Kinder schienen sich zu erfüllen. Schon im ersten Jahre nach ihrer Ueberstedelung heirathete der älteste Sohn und in rascher Folge die andern. Jetztsah sie jedermann nur mit dem lächelnden Antlitz und hörte das leise Kichern in ihrer Stimme, Und mit taubengleicher Sanftmuth waltete sie auch ihres Amtes als Hausfrau. Sie war der verkörperte Segen, wenn sie am sabbatlichen Abendtisch die Lichte entzündete und die Heiligung darüber sprach. Sie war der verkörperte Segen, wenn sie an den hohen Festtagen, den Kopf von der gelbbebänderten weißen Spitzenhaube umrahmt bis an die Schläfen, so daß nach dem Brauch in Israel kein Haar sichtbar wurde, „in Schul" ging und von dort zurückkehrte in das seiertägig-weihevolle Heim. Sie war der verkörperte Segen für die armen Bachurim, die bei Reb Schlaume nicht nur geistige,. sondern auch leibliche Nahrung fanden. Sie war der verkörperte Segen für die Beladenen und Leidenden, die an chrer Schwelle Hülfe suchten. So waren die Jahre vergangen und dennoch schienen sie still zu stehen in der Monotonie dieses weltfremden, heiligen Lebens. Menschen kamen und gingen, welthistorische Ereignisse drängten sich, die Stadt reckte und dehnte und streckte ihre Riesenarme hinaus iu die Felder und Auen. Ihre Physiognomie veränderte sich und überall zeigte sie neue Linien, nur an einem Punkt blieb Alles, wie es war. Nichts rückte, und rührte sich hier. Der Gartenzaun war viel-