Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 252 (sequence 20)
- Language
- German
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252 Breslau kamen, regte sich bald das Bedürsniß, neben den am Seminar vorgeschriebenen Studien ihr reifes Können in erweiterten Uebungen auszubauen. Das führte sie zu Reb Schlaume Herzberg. Der Ruf seiner Talmudgelehrsamkeit war ein bedeutender und daß er ein Schwiegersohn Rabbi Elieser Gins sei, vermehrte seines Namens Ruhm. Ein oder der andere der jungen Seminaristen kam mit Empfehlungen an ihn versehen zu ihm und gerne war er bereit, ihn bei sich auf zu nehmen und mit ihm zu lernen. Die materielle Unabhängigkeit in der er lebte, gestattete ihm, dies nur aus Frömmigkeit und zur Ehre Gottes zu thun. So kamen erst einige zu ihm, bis es später zu einer Gepflogenheit wurde, daß die meisten Seminaristen auch einen Schiur bei Reb Schlaume Herzberg nahmen. Und in diesem Hause erhielt sich der Geist, wie er früher in der „Jeschiwe" gepflegt wurde noch unverändert. Was die, moderne Studien betreibenden jungen Leute auch draußen in sich ausnahmen, hier in dem stillen, weltfernen Heim Reb Schlaumes war es nur der Inhalt der „Lehre", der sie beschäftigte. Wer sie dort bedeckten Hauptes, über die Folianten gebeugt dasitzen sah, in erregten Debatten über unaufgeklärte Fragen der Gemara lebhaft gestikulirend, mit erhitzten Köpfen und ihren im Jargon gehaltenen Erörterungen und Auslegungen lauschte, der hätte nicht geglaubt, die Kinder einer neuen Zeit vor sich zu sehen. Das waren „Bachurim", wie man sie gekannt in den Tagen des Rabbi Elieser Gins. Was immer ihrem Geiste sich auch erschloß von den Schätzen der allgemeinen Wissenschaften, für sie blieb der Talmud das heiligste und wichtigste und erschien ihnen der Urquell aller Weisheit. Auch die Schärfe, das Denken, die Leichtigkeit der Auffassung glaubten sie ihm zu verdanken und die Uebungen mit den uralten Schriften wurden darum eifrig gepflegt. Frau Rebekta durfte mit Recht an die „Jeschiwe" ihres Vaters deuken, wenn sie die jungen Männer um ihren Mann versammelt sah und mit inniger Freude horchte sie auf den singenden Tonfall beim Lernen, wenn sie leise durch das Zimmer ging. Das war ihre Jugend, ihre Heimath, chr Glück und ihr Stolz. Hoch und heilig hielt sie es und wachte darüber, daß nichts Fremdes hineinkomme in diese