Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 19)
- Language
- German
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251 von der Straße ab, die in den weiten, schönen Königsplatz mündete. Aus den kleinscheibigen Fenstern der Wohnung sah man nach dem Platz hinüber, wie von einer einsamen Insel nach dem großen, brandenden Ocean. Und wer diesen Platz überschreitend, vor dem Eckchen anlangte, das die Straßenbezeichnung: „Am untern Bär" trug, und durch das wacklige Holzpförtchen über die schiefgetretene Treppe und durch die Küche in Reb Schlaumes Sanktuarium eintrat, der hatte das Gefühl, als ob er ein Eiland des Friedens und Heils betreten, und aus dem Drängen und Treiben des- Alltags zu einem ewigen Feiertag sich eingefunden hatte. Frau Rebekkas Traum war in Erfüllung gegangen. Das seit einigen Jahren in Breslau begründete Rabbiner- Seminar zog eine große Anzahl junger Theologen an, die neben ihren akademischen Studien auf der Universität, auf dem Seminar das Talmudstudium und jüdische Theologie betrieben. Von weit und breit kamen die Jünger herbei und diese Hochschule der jüdischen Gelehrsamkeit erfreute sich eines Rufes in der ganzen Welt. Vorzugsweise das Ausland schickte seine Talmudschüler hin, weil das gleichzeitige Studium moderner Wissenschaften Gelegenheit bot, erweiterte Gesichtspunkte der Gottesgelehrtheit zu gewinnen und nicht nur ein Talmudist, sondern ein akademisch gebildeter Mann zu werden und dadurch den Anspruch auf eine ganz andere Laufbahn als bisher zu haben. In Preußen hatten allerdings schon Ende der dreißiger Jahre einige der Schüler Rabbi Elieser Gins nach vollendetem Talmudstudinm mit der Hatorah ausgerüstet, und zum Rabbiner befähigt, in Berlin Philosophie studirt und den Doktorgrad erworben. Aber das waren vereinzelte Fälle und die Namen dieser bahnbrechenden Männer sind bis heute im Judenthum in ehrenvoller Erinnerung aufbewahrt. Ihr Beispiel wurde dann maßgebend für alle und besonders das Breslauer Seminar betrieb die vollständige theologische Ausbildung der jungen Rabbinatskandidaten. Unter den Talmudschülern aber, besonders denen, die mit großen Vorkenntnissen ausgerüstet aus ihrer polnischen, österreichischen, ungarischen und galizischen Heimath nach