Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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250 dort? Hier leben wir doch so ruhig und „bekowet" und zufrieden." „Wir werden dort nicht anders leben. Alles, wie es geht und steht, nehm' ich dorthin mit. Und führen werd ich das Haus dort wie hier und wie Du es gewohnt bist in zweiundzwanzig Jahr, zum Guten gedacht. Aber da Schem jisborach es so bestimmt hat, und hat die Eltern „siobrononi liwroche“ und fast die Hälft' von unfern Kinderleben zu sich genommen, so wollen wir lieber hinziehen, wo Du mit die großen Lamdonim , zusammen kommen kannst, und die Kinder, die uns, gelobt zu Gott, geblieben sind, bessere und passendere Schiduchim machen können." Da es damals war, wie zu allen Zeiten, daß Gott will, was die Frau will, so fanden sich wenige Monate später Reb Schlaume Herzberg und seine Frau Rebekka in Breslau wieder. Es war im Sommer des Jahres 1854. Sie hatte sich während des Umzugs als sehr praktisch und tüchtig bewährt und es erwies sich, daß eine Tochter von Rabbi Elieser Gins jeder Lebenslage gewachsen war. Auch hatte sie Wort gehalten, daß sie in die neue Heimat ihr Haus verpflanzen werde ohne jegliche Neuerung. Jedes Möbelstück wurde mitgesührt, und die großen Planenwagen, die von Rogasen nach Breslau zwölf Tage unterwegs waren, bargen unter ihren bauchigen, hochgespannten Decken den ganzen Hausrath, mit dem Schlaume von frühster Kindheit an verwachsen war. Wurmstichige Kasten und Truhen, die Leinwandschätze der Mutter, das werthvolle Silber, — das während der Zeiten von Kriegsgefahr, Revolution und Judennoth dreimal monatelang in der Erde vergraben war, um dann wieder in erneutem Glanze zu erstrahlen — Alles wurde mitgenommen. Vor Allem aber die großen in Leder gebundenen Folianten der Gemara. Und eines Tages fand sich mitten im Getriebe der Großstadt das stille, kleine Heim wieder, das sie nicht verlassen, sondern mit sich geführt hatten. Im schönsten Theile der Stadt, wo damals schon die großen Neubauten erstanden, hatte sie einen abseits gelegenen Winkel entdeckt. Ein einstöckiges, enges, altmodisches Haus, mit ausgetretener Holztreppe, die über einen schmalen Flur direkt in die Küche führte. Ein verwitterter Staketenzaun schloß das Gebäude