Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 16)
- Language
- German
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248 Gemara, während sie die feinsten und letzten Einzelheilten der ritualen Gebräuche überwachte und den heiligen Frieden eines gottgefälligen Hauses schützte und erhielt. Als sie einige Jahre so gelebt hatten und sie ihm mehrere Kinder geboren hatte, gewährte Frau Gittel Herzberg ihr endlich die Rechte einer selbständigeren Lebensführung. Damals fing sie an, die außerordentlichen Angelegenheiten und Interessen ihres eigenen Hausstandes wahrzunehmen, und es war eine rechte Freude sie dabei zu sehen, freudig, lächelnd, geschäftig und dabei geräuschlos, wie ein guter Engel. Als die Zahl der Kinder sich vergrößerte, räumte man ihnen auch eine eigene Wohnung ein und Salomon wurde nominell am Geschäfte seines Vaters betheiligt. In Wirklichkeit kümmerte er sich weiter um nichts als um den Inhalt der „Lehre." Im ewigen Gleichmaß vergingen so die Tage und Jahre, bis ein Ereigniß von großer Tragweite die Verhältnisse plötzlich änderte. Es war im Jahre 1851 als die Eltern Salomons innerhalb vierundzwanzig Stunden der Cholera erlagen. Die Epidemie wüthete damals fürchterlich in der Gemeinde und der Tod hielt eine entsetzliche Ernte. Alt und Jung fiel ihr zum Opfer. Den Eltern folgten drei von Salomons und Rebekkas Kindern. Und so schreckhaft rasch trat „das große Sterben" ‘ an die Leute heran, daß die Hinterbliebenen kaum Zeit und Besinnung hatten zu den üblichen Trauerceremonien. Wer konnte, floh aus der Stadt, aber es war anderwärts nicht besser. Der gewaltige, grausame Würgengel, der Tod und Verderben überall hin brachte, zog durch die Lande. Salomon und sein Weib blieben daheim und damals hatte Rebekka Gelegenheit zu zeigen, was in ihr ruhte an guten und edlen Kräften. Obwohl selbst so so furchtbar schwer betroffen durch den Tod der Eltern und drei blühender, halberwachsener Kinder — nur 'die beiden ältesten Söhne und die beiden jüngsten Töchter blieben verschont — waren sie beide doch überall zu finden, wo es galt, Trost und Hülfe zu bringen. Er mit frommem, gläubigem Zuspruch, sie mit werkthätiger Unterstützung der Kranken und Genesenden. Als die Schreckenszeit vorüber war, und Beruhigung und Milderung des Grams wieder in die Gemüther einzog.