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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 239

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 239 (sequence 7)
Language
German
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239 das sie trennte. Instinktiv empfanden sie, daß in dieses jungen Menschen Seele manches sich regte, was als sündhaft und freventlich dem Geiste der Israeliten fern bleiben sollte. Zweifel vielleicht und noch Schlimmeres — was sie kaum zu deuten wagten. Wenn sie ihn aber dann wieder so voll Ernst und Hingebung beim „Lernen" sahen, thaten sie ihm im Stillen Abbitte für ihren Verdacht. Diese Zwiespältigkeit und Unklarheit ihrer Beziehungen zu Heilpern machten auch diesen scheu und zurückhaltend. Sehr selten nur gesellte er sich den Studiengenossen und fast jedes Mal kam es zu unerquicklichem Wortwechsel, wie an diesem Sabbatnachmittag. So schroff und heftig hatte er sich aber niemals gegen die offenen oder versteckten Angriffe aufgelehnt, wie diesmal. Etwas in feinem Herzen war verletzt worden, was ihm besonders hochstand, verletzt von einem Menschen, den er um seiner Unwissenheit verachtete, und der es gewagt hatte, mit dreister Hand sein Heiligthum anzutasten. „Posche" hatte er ihn genannt, ihn der seinem Glauben treu anhing, wenn er auch manchen Blick in die Welt neuer, aufklärender Gedanken gethan hatte. War er darum ein Abtrünniger? . . . Auch die andere Bachurim hatte die Rohheit von Moses Freund unangenehm berührt, und das Wort: „Feigling", das Heilpern ihm zugerufen, erschien ihnen wie ein Brandmal, eine Aechtung, die ihn ausschloß aus dem Kreise der übrigen. Moses Freund sah sich plötzlich allein aus der Landstraße. Die Sache war dem Rabbi hinterbracht worden und er hatte angeordnet, daß die Bachurim von nun an auch am Schabbes zwischen Minche und Mariw sich um ihn versammeln sollten. Die Lehre sei so unerschöpflich, daß man keinen Augenblick versäumen dürse, ihr nachzuspüren. Jede Stunde anders angewendet, führe nur zu Unrechten und schlechten Dingen. In dieser milden Form wurde Heilpern wegen seiner naturwissenschaftlichen Gelüste zurecht gewiesen. Er blickte starr auf die krause Schrift des vvr ihm liegenden Talmuds und sah die boshaften und hämischen Mienen seines Gegners nicht, oder wollte sie nicht sehen. Dagegen entwickelte er in der folgenden Zeit eine Schlagfertigkeit, Dialektik und Feinspürigkeit beim Lernen, die ihm die neidvolle Bewunderung seiner Collegen und die höchste Anerkennung

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