Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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238 „Du lachst, weil Du ein Rindvieh bist . . .", eine schallende Ohrfeige begleitete diese Worte, „und ob Du nun Naturwissenschaften oder Gemore lernst, aus Dir wir Dein Lebtag nichts anderes werden als ein Ochs. Denn wer kein Gehirn hat — Ihr sagt darauf Kopf oder Verstand — der war ein Vieh und ist eins und bleibt eins. Das steht auch in meiner Naturgeschicht!" Eine plötzliche Sülle folgte der erregten Debatte und ohne weiter auf die Kameraden zu achten, drehte der junge Mann sich um und kehrte nach der Stadt zurück. „Posche!" rief ihm der Geohrfeigte nach und rieb seine Backe. Da wendete er sich noch einmal zurück. Zorn und Empörung flammten in seinen Augen auf, und mit dem Tone unsagbarer Verachtung sprach er: „Feigling!" Dann ging er hochausgerichtet seines Weges. Josua Heilpern war ein Mensch, der ihnen allen imponirte. Allerdings hatte sich zwischen ihm und seinen Studiengenossen nicht die Vertraulichkeit herausgebildet, die zwischen den andern herrschte, aber sie fühlten instinktiv, daß er ein geistiges Uebergewicht besaß, ohne daß er es gerade in auffälliger Weise geltend machte. Nur in besonderen Fällen, wie bei dem Streit auf der Chaussee verrieth er, daß seine Antheilnahme auch anderen Gebieten sich zuwende, als dem Talmudstudium. Er war sonst einer der eifrigsten Bachurim und als ein feiner Lerner bekannt, und nur verstohlen flüsterten die Genossen sich zu, daß er auch für anderes sich inreressire. Vor allem war es Moses Freund, einem „ordinairen", unfähigen Menschen, ein Dorn im Auge, daß Heilpern geistige Interessen hatte, die über den Rahmen dessen hinausgingen, was die übrigen beschäfügte. Er nahm jede Gelegenheit wahr, ihn mit Sticheleien darüber zu verhöhnen und hatte es sogar auch schon einmal mit einer Denunziaüon beim Rabbi versucht. Da aber war er schlecht angekommen und Rabbi Elieser hatte strenger, wie es . seine Gewohnheit war, gesagt: „Erst lern so gut, wie Josua, dann komm und sag, er lerne, was er nicht lernen soll" . . . Die andern betrachteten ihn seitdem mit noch größerem Respekt, aber es war doch etwas fremdes, unausgesprochenes zwischen ihnen.