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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 235

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Die Toten
Date
1900-01-01
Page
Seite 235 (sequence 3)
Language
German
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235 häufte — nicht um seinetwillen, sondern um der Idee willen, die er im Judenthum verkörperte. Es hört sich wie ein Märchen an, was die Chronik über eine seiner Reisen nach Warschau zur Hochzeit seines jüngsten Sohnes berichtet, und unserer heutigen Zeit wird das Verständniß dieser bis zur Vergötterung getriebenen Bewunderung des Rabbi und der bis zum Fanatismus gesteigerten Begeisterung für einen einzelnen Mann, ganz unbegreiflich erscheinen. Um es einigermaßen zu verstehen, muß man sich die Juden der damaligen Zeit als ein so bedrücktes, verängstigtes, durch Noch, Verfolgung, Hohn und Verachtung zu einer kompakten Masse zusammengeschweißtes Häuflein denken, daß eine Persönlichkeit, die als vereinzelt und überragend hervortrat, unter ihnen eine außergewöhnliche Stellung einnehmen mußte. Es war einer der ihren, ein Theil von ihnen und doch — der Eine! Das schmeichelte ihren verzagten Herzen, ihren getretenen Gefühlen' sie alle, wo immer zerstreut sie auch lebten, waren „die Juden" der Spott der rohen Menge, die verhetzten, verhöhnten, und der dort war ein Jude ... ein Jude, dem auch die andern Anerkennung und Ehre zuerkaunten. Aber er war ihr Jude . . . mit Leib und Seele, nach Gesetz und Ritus, und deshalb fühlten sie in ihm sich alle geehrt. Und gierig lauschten sie auf die Erzählungen, die von Mund zu Mund sich fortpflanzten. Wie das Vertrauen zu seiner Weisheit und Klugheit auch Andersgläubige mit ihm in Beziehung gebracht und wie er sie empfing, wenn sie ihn aufsuchten. Nicht gebückt und demüthig, wie er vor seiner Thora saß, sondern erhobenen Hauptes, stolz und hochaufgerichtet, wie ein Fürst. So stand er ihnen Rede, denn diese waren nur Menschen wie er und seine Brüder ... die Lehre aber, vor der er sich beugte, war Gottes Reich. Und so hatte er auch eines Tages vor seinem Könige gestanden, begleitet von einigen seiner Jünger, um für die Kolonisation der Juden in Palästina ein Wort einzulegen. Es war natürlich, daß das Bekanntwerden solcher Thatsachen, Rabbi Gins bei seinen Glaubensgenossen zu einem Heiligen stempelte. Dazu kam, daß die mündliche Überlieferung sein Thun und Lassen und seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausschmückte mit der Phantasie, die den Zugehörigen eines begabten.

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