Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die Toten
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
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236 lebenskräftigen Stammes eigen ist, dessen Entwicklung man unterdrückte und dessen Interessen einseitig sich nur auf den engsten Gesichtskreis beschränkten. So erschien Rabbi Elieser für fie als eine besondere Erscheinung und sie wallfahrteten zu ihm in aller Bedrängniß ihres Herzens und wendeten sich an ihm mit Fragen von allgemeiner Bedeutung für ihre Glaubensgemeinschaft. Vor allem aber waren es die jungen Talmudbeflissenen, die sich um ihn schaarten und es galt als ein Vorzug, bei Rabbi Elieser zu lernen. In dieser Umgebung war Rebekka als jüngstes Kind ihrer Eltern groß geworden und es war nur natürlich, daß ihr die „Bachurim" besondere Aufmerksamkeit schenkten. Freilich geschah das nur mit der Diskretion und strengen Zurückhaltung, die der Verkehr junger Leute in jüdischen Häusern damals mit sich brachte. Sie sahen Rebekka, sie bewunderten sie, aber niemand wagte sich ihr zu nähern. Was sie aber vor allem entzückte, war das Lachen und Kichern, mit dem Rebekka sich in die Herzen der talmudbeflissenen Schüler ihres „weltberühmten" Vaters hineinlächelte und -kicherte. In die spitzfindigen, scharfsinnigen Disputationen über „Baba meziah" oder schwierige halachische Fragen im Rambam erklang manchem der Jünglinge das Girren und Glucksen von Rebekkas herziger Stimme. Es war, wie wenn Tauben mit einander schäkern und schnäbeln, so süß und fromm. Emauel Wolfsohn aus Lüben, der geistreichste aus dem Kreise der Schüler Rabbi Eliesers hatte einmal von ihr gesagt: „Rebekka lacht nicht mit dem Munde oder der Kehle, sie lacht mit der Seel' und den Augen." Ein mehrstündiger, gelehrter „Pilpul" hatte sich damals an diesen Ausspruch geknüpft. Es war im Spätsommer. Am Sabbat-Nachmittag, wo man es sich erlaubte, auch einmal mit anderen Dingen als rein talmudischen sich zu beschäftigen. Und zwischen „Mincha" und „Mariw" hallte die Chaussee bei Märkisch-Friedland von dem leidenschaftlichen Streit wieder: „ob man mit der Seele lachen könne?" Emanuel Wolfsohn meinte nämlich: Das Lachen sei überhaupt kein körperlicher Vorgang, wenn es auch scheinbar