Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 25)
- Language
- German
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231 Zukunst zu bewahren, wenn dieses Volk in Wahrheit ein „erwähltes Volk" sein wird, durch welches alle Völker der Erde gesegnet werden. Vielleicht — alles ist verwirrt und chaotisch in meinem Kopse heute Nacht! Nur eines ist mir klar, ich kann Dir keine Hoffnung aus die irdische Erfüllung unserer Liebe geben. Ich suhle auch einen Uebergang in mir, und weiß noch nicht, wohin er mich führt. Mein theurer Alfred, werden wir die christliche Lehre — die Lehre der Selbstverläugnung und Entsagung — nicht besser befolgen, wenn wir die Hoffnung aus irdische Liebe ausgeben? Vergieb, Geliebter, den Schmerz, den ich Dir verursache und hilf mir so den meinen tragen. Dein bis zum Tode Florence. Es war eine Stunde nach Mitternacht, als der Brief geschrieben und gesiegelt war. Nun kam ein Gefühl der Erleichterung über sie, daß sie in der jüdischen Gemeinschaft verblieb. Sie wollte es sich zwar nicht zugestehen und schalt es ungeduldig „angeerbt", aber das Gefühl war da. Und trotz alledem — würde sie morgen noch den Mut haben, diesen Brief abzuschicken? Was aber thun? Das Haus war in Dunkelheit getaucht, alles schlief, sie war das einzige sich bewegende Wesen im Hause. Und doch, wie sehnte sie sich, darüber hinweg zu kommen, unwiderruflich! Vielleicht kann sie selbst es wagen aus die Straße zu gehen: an der Ecke ist ein Briefkasten. Schnell entschlossen, rafft sie sich aus, nimmt ihren Hausschlüssel, zündet ein Licht an und stiehlt sich lautlos hinaus auf die dunkle Treppe. In ihrer überreizten Stimmung erschrickt sie vor ihrem eignen Schatten. Plötzlich steht ihrer Mutter Totenbett vor ihr, ihrer Mutier Stimme ruft: „Florrie, gräme Dich nicht, ich finde einen Bräutigam für dich." War das der einzige Bräutigam, den sie je finden würde? „Vater, Vater," schreit sie in. plötzlichem Schrecken auf. Sofort öffnet sich eine Thür, jemand kommt vorwärts, eine häßliche, theure, schutzbringende Gestalt in Pantoffeln und und Schlafrock, — das roihgeblümte Taschentuch in der