Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 24)
- Language
- German
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230 mals vorwerfen" — das Murmeln erstarb in einem Kuß auf ihre feuchte Wange. XU. In dieser Nacht schrieb Schnapse nach langem heißem Gebet einen Brief in ihrem Schlafzimmer. Theuerster Alfred! Diese Zeilen werden Dir großen Schmerz bereiten, ich schreibe sie unter bitteren Thränen. Ich sehe in der zwölften Stunde, daß es mir unmöglich ist. Dich zu heiraten. Du weißt es, daß ich nur unter der Bedingung einwilligte, die Deine zu werden, daß mein Vater seine Einwilligung nicht versage. Er gab sie, — heute aber habe ich erkannt, daß er es nur that, um meinem Glücke nicht im Wege zu stehen. Stelle Dir vor, was es für einen Mann von über siebzig Jahren heißen will, mit den Vorurtheilen eines ganzen Lebens zu brechen, und Du wirst verstehen, was für ein Opfer er mir bringen wollte. Es war zu viel, — sein Herz bricht darüber, und ich fürchte, sogar fein Verstand leidet. Du wirst sagen, laß uns wieder warten — auf ein Ereigniß; ich habe nicht das Herz es kaltblütig niederzuschreiben. Das aber wäre ein Unrecht gegen Dich, Du darfst Dein Geschick mit dem meinen nicht weiter verstricken, vielleicht blüht Dir anderswo ein Glück. Ein neuer Gedanke ist in mir aufgetaucht. Wenn eine Religion, die, wie ich fälschlich glaubte, nur in Beobachtung der Formen besteht, fähig ist, solche Typen der Selbstverleugnung hervorzubringen, wie mein theurer Vater einer ist, dann mup auch diese Religion die edlen Bestandtheile, den Trieb zur Selbstverläugnung besitzen, die die Welt Christenthum nennt. Vielleicht habe ich sie immer mißverstanden. Wir sind so schlecht unterrichtet worden. Vielleicht ist die prosaische Epoche des Judenthums, in der ich geboren bin, nnr eine Entwickelung, vielleicht gehört sie nur den Mittelklassen; denn ich erinnere mich noch gut, daß ich seine Poesie in der Kindheit spürte. Vielleicht wird die Zukunft seine göttlichen Seiten entwickeln, oder besser gesagt, wiedererwecken, und dieser zähe Instinkt der Absonderung ist nur ein Versuch, die Rasse für eine spätere