Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 23)
- Language
- German
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229 XI. Sein zerstreutes Wesen, sein abgebrochenes Sprechen beunruhigten Schnapse außerordentlich, sie konnte aber nicht herausbekommen, ob etwas vorgefallen war. Sie blätterte in den Abendzeitungen, und plötzlich fiel ihr Auge auf eine fettgedruckte Überschrift: „Ich verbiete die Trauung! „Aufregende Scene in einer Chalk-Farm-Kirche!!" Als sie den Bericht durchgelesen, stieg plötzlich ein Verdacht in ihr aus. Das war ja dieselbe Kirche — ein jüdisch aussehender alter Mann — Großer Gott! — So war alles nur Verstellung gewesen? Der alte Mann wollte sich ihr zu Liebe opfern, und das hatte ihn fast an den Rand des Wahnsinns gebracht. Es war ihre Schuld. In chrem blinden Verlangen nach Glück hatte sie nicht bedacht, daß der Mensch mit siebzig Jahren nicht plötzlich mit all seinen Gewohnheiten und Anschauungen brechen kann. „Vater", sagte sie, und . streichelte zärtlich sein welkes Gesicht, „nun wirst du mich bald verlieren." Seine Lippen bebten, aber er bekämpfte sich und sagte lächelnd: „Wenn du nur glücklich wirst, bin ich auch zufrieden." „Haben wir'das nicht oft genug besprochen?" „Ja, aber weißt du, wenn ihr euch mal zanken werdet, glaubst du nicht, er wird dir vorwerfen —" „Unsinn, Vater", unterbrach sie ihn lachend, aber die Wiederholung dieses Gedankens schnitt ihr wie ein Dolch ins Herz. „War das nicht schon Wahnsinn?" „Du bist also fest überzeugt, daß du gut mit ihm auskommen wirst?" „Ganz sicher!" „Dann bin ich glücklich." Er zog sie an sich und küßte sie. Sie brach zusammen und weinte bitterlich, denn sie war nun überzeugt, daß er die Unwahrheit sage. Nun wurde er der Tröster. „Weine nicht, kleine Schnapse, ich will dich ja nicht beunruhigen, Alfred ist ein guter Mensch, er wird dir nie-