Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 22)
- Language
- German
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228 Arm, sie auch eine Glorie im weißen Schleier. Er erreicht dis Plattform unter dem Kreuze, dann schwimmt alles vor seinen Augen, und schaudernd sinkt er auf seinen Sitz zurück. Er saß in einer fremdartigen Betäubung, halb bewußtlos; jetzt hörte er den Prediger sprechen, nachdem die Orgel aufgehört zu spielen. Wie durch einen Nebel sieht er das Brautpaar. Er führt mit der Hand über seine gefurchte Stirn, da dringen aus dem Nebel die Worte des Predigers an sein Ohr: „Deshalb, wenn irgend einer aus dieser Versammlung einen gerechten Grund angeben kann, warum dieses Paar nicht gesetzlich vereinigt werden kann, er spreche jetzt oder schweige sür immer." „Gott Israels, es war also noch Hilfe!" Er sprang in die Höhe und schrie in Todesangst: „Nein, nein, sie darf ihn nicht heirathen, sie darf nicht!" Alle Köpfe wendeten sich wie elektrisirt nach dem alten schäbigen Manne, die Braut erblaßte, ein Brautmädchen schrie auf, der Prediger unterbrach seine Rede und stand ruhig wartend. Einer der Brautführer eilte hinauf. „Verbieten Sie die Trauung?" rief der Prediger. Der alte Mann erwachte aus seiner Betäubung und verstand den Zusammenhang. „Kommen Sie schnell", rief der junge Mann, „was haben Sie einzuwenden?" „Ich, o nichts", stammelte Daniel in furchtbarer Verwirrung. „Der Mann ist betrunken", rief der Brautführer, „hinaus mit ihm." Er schleppte Daniel zu der Seitenthür und warf sie hinter ihm zu. Aber Daniel schrak davor zurück, durch die Menge außerhalb der Kirche durchzugehen. Er blieb im Borsaal, bis der Hochzeitsmarsch erschallte und das Gewühl der herausdrängenden Menge ihn mitfortriß auf die Straße.