Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 21)
- Language
- German
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227 „Meschumed" (Abtrünniger) schien von den Wänden wieder zu tönen. — Er bemerkte, daß die Umstehenden das Haupt entblößt hatten, hastig nahm er seinen schäbigen Hut ab. Die ungewohnte Empfindung von Kälte an seinem Kopfe vergrößerte nur das Gefühl der Unbehaglichkeit. Es hatte noch nicht angefangen, aber als er in seinen Sitz schlüpfte, begenn die Orgel eine heitere Melodie zu spielen. In seinem Traumzustande wunderte er sich, was denn so Lustiges vorgehe, und seine Augen füllten sich mit Thränen. Ein geräuschvolles Vorwärtsschieben in der Kirche ließ ihn aufschauen. Am anderen Ende der Kirche sah er vier Männer in wallenden Gewändern auf einer Plattform unter einem Kreuze stehen. Er verbarg sein Angesicht vor dem Symbol, das das Leben seiner Vorfahren vernichtet hatte. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er die Männer knien. Soll er auch niederknien? Müssen seine alten Knochen auch noch diesen fremden Gebrauch lernen? — Dann erschienen vier Brautmädchen mit großen Blumensträußen in der Hand auf der Plattform, in theatralisch gemessenem Schritt stiegen sie die Stufen hinunter und verschwanden. Seine Nachbarn 'standen auf, um besser sehen zu können' auch er erhob sich. Indessen spielte die Orgel ihre fröhlichen Weisen weiter. Plötzlich ging ein Rauschen und ein Raunen durch die Kirche, — eine Prozession nahte. Voran ein ernster, blasser junger Mann, geführt von einem anderen jungen Manne, mehrere junge Leute folgten, dann erschienen die Brautmädchen, und zuletzt — im weißen Seidenkleide, umweht vom bräutlichen Schleier, an der Leite eines älteren Mannes, — die Braut selbst in all' ihrer Glorie. Das würde also er und Schnapse sein. Durch diesen langen Gang, vorbei an all diesen neugierigen fremden Augen würde er — Daniel Peyser — genöthigt sein zu gehen. Er versuchte alles geistig durchzuprobiren, damit er ihr später keine Schande mache. Er sah sich, steif und prächtig, mit der schönen Schnapse am 15*