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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 218

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Übergang
Date
1900-01-01
Page
Seite 218 (sequence 12)
Language
German
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218 Sorge für sein Lieblingskind hielt den alten Mann noch aufrecht, sonst wäre er wohl gern seiner Sara gefolgt. — Vater und Tochter sahen sich nur bei den Mahlzeiten; er verbrachte seine Zeit mit dem Lesen von Zeitungen oder schleuderte über die Straßen. Als ein orthodoxer Jude in Nord-London ein Beth Hamidrasch gründete, wurde er einer der eistigsten Besucher. Täglich ging er hin und studirte unter der Leitung eines polnischen Juden rituelle Probleme. Von Zeit zu Zeit bürstete er seinen alten Cylinder und ging zu einer seiner eleganten Töchter zum Besuch. Schüchtern klingelte er an den prächtigen Häusern, schüchtern trat er ein. Dann erlaubte man ihm, ein sich laut sträubendes Enkelkind zu küssen, ein paar Phrasen wurden gewechselt, das war alles. Sie wohnten so weit entfernt von ihm und von einender in diesem großen London, es war wirklich schwer. Besuche zu machen. Zu Sylvia, die einen Diener in Livree hatte, war er nie gegangen, und als die andern ihrem Beispiel folgten, hörten seine Besuche gänzlich auf- Auch. die Töchter kamen seltener und seltener zu ihm; sie behaupteten, daß Florences kalter Empfang und ihre vielen häuslichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen sie am Kommen verhinderten. „Ja, wenn du mit einer von uns wohnen würdest oder ganz allein", wiederholten sie oft. Aber Daniel fühlte, daß eins so schlecht wäre wie das andere. Und ob er auch sah, daß Schnapse's und sein Leben durch einen breiten Strom getrennt waren, die Liebe, die sie beide so innig mit einander verband, war die Brücke, aus der ihre Seelen sich fanden. Man kann sich das Erstaunen des alten Mannes vorstellen, als das Dienstmädchen eines Morgens in sein Zimmer kam und ihm meldete, seine sechs Töchter verlangten augenblicklich seine Gegenwart im Empfangszimmer. — Sein Herz begann schneller zu schlagen; eine düstere Ahnung von einem bevorstehenden Unglück bemächtigt sich seiner. Vor Schreck vergißt er seine Toilette, und so wie er ist, in Schlafrock und Pantoffeln trippelt er ins Empfangszimmer, das nun verödete, seitdem keine Tochter mehr zu vergeben war. Dieser gemeinschaftliche Besuch muß etwas bedeuten, er erinnert an Hochzeiten, Begräbnisse. Aus dem Fenster

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