Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 6)
- Language
- German
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212 „Unsinn, er denkt nicht an Euch, es ist nur Höflichkeit von ihm meinen Schwestern gegenüber; hat er nicht ausdrücklich gesagt, das Bouquet sei für mich?" „Sei nicht einfältig, Rebekka, du weißt ganz gut, du kannst ihn nicht haben, die Aelteste hat den Vorrang." Dieser veränderte Ton zeugte von bescheideneren Ansprüchen an „den jungen Mann", denn die Jahre vergingen und Heirathsanträge kamen nicht. Junge Leute gingen ein und aus, tanzten mit den Schwestern, führten sie zu Tisch, zu Diners und Soupers, aber das erlösende Wort wurde nicht gesprochen. — So verging die erste, die zweite, die dritte Saison. Fortwährend nebelhafte Aussichten aus eine Heirath, niemals die Erfüllung dieser heißerflehten Gewißheit. Mutter und Töchter litten Tantalusqualen. Mrs. Peysers Haar wurde weiß; sie rief sogar heimlich den Schadchen ins Haus, oder vielmehr sie gab endlich seinen Bitten um Gehör nach. „Was", sagte er, „ich werde keinen passenden finden? Ich habe hunderte von jungen Leuten in meinen Büchern, grade wie Sie sie brauchen, alles feine junge Leute". Zuerst weigerten sich die Mädchen, Anträge aus solcher Quelle anzuhören. Es sei nicht Brauch in ihrer Gesellschaft, sagten sie. Mrs. Peyser rümpfte die Nase. „Und was glaubt ihr, wie haben denn die Rosenweilers geheirathet?" „Ja, die Rosenweilers, das ist etwas ganz anderes", sagten sie und zuckten mit den Schultern. Sie waren sich ihrer Vorzüge wohl bewußt. Trotzdem liehen sie den Vorschlägen des Agenten, wie dieselben ihnen von der Mutter berichtet wurden, ein williges Ohr, obgleich sie darüber zu spotten schienen. Aber der Tag kam, an dem sogar dieser Vorwand aufgegeben wurde, ihr Stolz war gebrochen; von Tag zu Tag warteten sie auf eine neue Möglichkeit. Und mit den Jahren alterte auch „der junge Mann". Er wurde ärmer, kahlköpfig, weniger Gentleman. Einmal sogar war er ein reicher, junger Christ, wurde aber einstimmig schaudernd zurückgewiesen.