Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 5)
- Language
- German
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211 Er war in der That keine imponirende Persönlichkeit mit seinem ungepflegten Bart und seinen blauen Kinderaugen. Aus der Straße fand er das Geräusch, das Hin- und Herschieben des Ghettos und vergaß, seine rochen Hände in Handschuhe zu stecken, im Hause trug er nach wie vor sein Käppchen. Anfangs versuchten seine Frau und seine englisch erzogenen Kinder ihn für die Gesellschaft zurechtzustutzen: er sollte sich heimisch fühlen in ihren at homes. Aber bald wurde er in den Hintergrund geschoben; denn entweder sprach er gar nicht oder war zu laut, machte altmodische Witze mit hebräischen Sentenzen gemischt, die von den jungen Leuten nicht verstanden wurden. Und dann plötzlich zog er sein großes rothgeblümtes Taschentuch hervor und schneuzte sich mit lautem Trompetenton, daß das leise discrete Geplauder der Gäste erschrocken verstummte. Nach und nach wurde er aus dem Empfangszimmer verbannt. Einige Jahre herrschte er noch unumschränkt im Eßzimmer, wenn keine Gesellschaft da war. Nach alter Sitte blieben die Mädchen am Tische sitzen, wenn er mit lauter Stimme das hebräische Gebet sang, sangen auch wohl in der ersten Zeit noch mit. Nach und nach hörte das auf, und sie hörten nur schweigend zu. Waren aber Gäste zu Tisch, „ihre jungen Männer", da wurden ihm Zeichen gemacht zu schweigen; besonders nachdem er einen oder den andern der jungen Leute in große Verlegenheit gebracht hatte, mit der Aufforderung, das Tischgebet zu sagen, das er natürlich nicht mehr kannte oder nie gekannt hatte. . Daniels Gebet war bei solchen Gelegenheiten schließlich nur ein leises Murmeln, das im lebhaften Geplauder beim Dessert ungehört verhallte und von Niemandem bemerkt wurde. Sogar sein Käppchen, das er nach wie vor trug, galt vor den Gästen nur als Vorsichtsmaßregel gegen Erkältung. IV. „Ich glaube garnicht, daß er Rahel meint." „Wie kannst du so etwas sagen, Lea, er hat mich zu Tisch geführt." 14-