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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1900-01-01 · 3 (1900) · p. Seite 210

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
3 (1900)
Article
Übergang
Date
1900-01-01
Page
Seite 210 (sequence 4)
Language
German
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210 in. Das erste Jahr in Highbury, einer reizenden Vorstadt im Norden Londons, vergingen der Mutter und der jüdischen Gruppe der Mädchen wie ein wunderbarer Traum. Sie fanden freundliche, liebevolle Aufnahme in der deutschen Gesellschaft und eilten von einem Vergnügen zum andern. Bälle Diners, Theater, Kartenparthien wechselten in bunter Reihe. Die einzige Unzufriedene war Sylvia, die älteste der christlichen Gruppe, die im Interesse ihrer älteren Schwestern tyrannisch jung gehalten wurde. Lily und Taisy trösteten ssch mit der Hoffnung, bald an die Reihe zu kommen, wenn die älteren Schwestern im Myrthenkranz und Schleier entschwebt waren. Der Duft von Myrrhen und Orangenblüthen war stets in der Luft, wenigstens spürten ihn Mrs. Peyser und ihre hoffnungsvollen Töchter Tag und Nacht. „Nein, nein, Rebecka soll ihn haben." ,,O nein, ich heirate keinen Mann mit strohgelbem Haar, Lea ist die älteste, sie kann ihn nehmen." „Ich danke dir; verschenke nicht, was dir nicht gehört." Jeder junge Mann, der nur das geringste Anzeichen gab, der Familie näher zu treten, gab zu derartigen halb scherzhaften, halb ernsthaften Verhandlungen Anlaß. Man kritisirte seine Persönlichkeit, sein Einkommen, man wies ihm sogar schon einen Platz bei Mahlzeiten an, an denen er gau nicht theilnahm. „Der junge Mann", freilich nur im Geiste, saß stets an der Tafel der Peyser'schen Familie, er befand sich stets in der Luft, kein Individuum, nur ein Typus. Aber all' diese häuslichen Freuden und Vergnügungen konnten Schnapse nicht für das entschädigen, was sie in Portsmouth zurückgelassen hatte; sie konnten den alten Peyser nicht entschädigen. Er fand in dem eleganten Theile von London, wo sie lebten, keine Gefährten wie seine alten Freunde in Portsmouth, keine alte Synagoge wollte ihn zu ihrem Präsidenten, das Geräusch Londons ersetzte ihm nicht das Leben am Samstag Abend in seinem Leihhaus. Er saß unbeachtet in einem eleganten Hause und fühlte, daß er ein überflüssiges Atom in einer großen Wildniß war.

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