Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Übergang
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 3)
- Language
- German
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209 ließ sein eigentliches Leben dort: Die alte dunkle Synagoge, wo er Vorsteher war, seitdem sein Beutel sich gefüllt, wo er am Samstag seinen Bevorzugten das Privilegium verkaufte, die Bundeslade zu öffnen und in der Thora zu lesen — erließ dort alte Bekannte und Freunde, die Sonntags Nachmittags zu einer Partie Klabberjas in seinen Laden gekommen waren, und endlich ließ er dort seine Arbeit, seine Beschäftigung, die gewinnreichen Samstagabende im Laden mit ihrem Lärm und Gewirr, wenn die christlichen Hausfrauen kamen, um ihren Sonntagsstaat einzulösen. Und welch ein Verlust für die kleine Schnapse, die erst elf Jahre alt war und noch nicht erpicht auf einen Mann. Wie sehnte sie sich nach dem Hafen mit seinen alten Schiffen, nach den plätschernden Wellen, nach dem Monde, der goldne Brücken über das Wasser baute, nach den engen Straßen, wo sie gespielt, nach der Schule, wo sie stets die Erste gewesen und nach dem Salzwinde, der über alles hinwegwehte. Die kleine Schnapse hieß — Schnapse nur für ihren Vater, ihr eigentlicher Name war Florence. Die vier jüngeren Mädchen hatten alle christliche Namen — Sylvia, Lily, Daisy, Florence — sie dankten das dem Einflüsse der drei älteren Mädchen, die mit Verachtung gegen ihre eigenen biblischen Namen herangewachsen waren. Zwischen diesen beiden Gruppen, den jüdischen und den christlichen, hatten zwei Söhne ein kurzes, trauriges Erdendasein geführt; und so hatte diese große Nachkommenschaft dem Vater noch keinen männlichen Nachkommen verschafft, der für ihn dereinst Kaddisch sagen konnte. Aber es war alle Aussicht vorhanden, daß ein Enkel nicht lange auf sich warten lasten würde, denn das älteste Mädchen war 25 Jahre alt und Alle waren hübsch. Eine Ironie des Schicksals! Die jüdische Gruppe der Mädchen war blond, fast christlich in Farbe, während die christliche den ausgesprochen orientalischen Typus zeigte. Bei der kleinen Schnapse trat dieser Typus in wunderbarer Feinheit hervor. Ihre dunklen Augenbrauen und ihr reiches Haar waren seidenweich; schwarzträumerische Augen warfen poetischen Schatten über ihr ovalgeschnittenes Gesicht, und ihr Teint war wie gelblicher Marmor, in den Leben eingehaucht war. 14