Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- David Kaufmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Halt machte zu liebender Versenkung, zu wahrem Gottesdienst. Mögen Andere, mahnte ich lange vergeblich, an der Himmelsklarheit der Griechen, am Hymnenschwung der Veden, an der Urweisheit der Upanischaden, an der Gluth und dem Tiefsinn Dantes, an der Löwenkraft Shakespears sich versuchen, tausend Pfleger hat die Weltlitteratur, tausend Zungen preisen ihre Schönheit, alle Zeiten liefern ihr Dolmetscher, aber Israels einsame Muse hat keinen, der in das Dickicht, das um sie emporgeschossen ist, niederstiege und von ihrer Erhabenheit und ihrem Adel zeugte, laut und siegreich vor aller Welt." Es ist kaum ein lebender jüdischer Gelehrter und Forscher so volksthümlich gewesen wie David Kaufmann. Er verdankt dies nicht etwa seiner Sucht populär zn werden, dies lag ihm in der Einsamkeit seiner Forscherarbeit fern. Auch nicht der Umstand, daß in den letzten zwanzig Jahren — wie Dr. Güdemann in seiner trefflichen Charakteristik Kaufmannes hervorhebt — kaum eine Nummer der in deutscher, französischer, englischer oder hebräischer Sprache abgefaßten jüdischwissenschaftlichen Zeitschriften ohne einen Beitrag Kaufmannes erschienen ist, war die Ursache von Kaufmannes Volksthümlichktit, obgleich dies natürlich seinen Namen überallhin tragen mußte. Die wahre Ursache seiner großen Popularität liegt vielmehr darin, daß in seinem Wesen und in seinem Schriftthum alle höheren und edleren Aspirationen des Judenthums am deutlichsten zum Ausdrucke gebracht worden sind. Er drängte sich nirgend vor, hielt sich sogar von Tagesstagen meistens fern, buhlte nicht um die Gunst der Menge und trug auch seine Liebe nicht zur Schau, aber wider seinen Willen brach sie aus seinen Schriften hervor, und diese Liebe gewann ihm alle Herzen. Es lag ihm auch fern, die jüdische Wissenschaft zu isoliren, im Gegentheil, Niemand empfand es schmerzlicher als er, wenn man sie in das Ghetto verweisen wollte. Er kämpfte sein Leben lang für das Bürgerrecht der jüdischen Wissenschaft. Kein Wunder: Wer wie David Kaufmann ein geradezu bewunderungswürdiges universelles Wissen mit kolossalem Fachwissen vereinigte, durfte Anspruch erheben, von der offiziellen Wissenschaft gehört zu werden. Gegen jene offizielle Wissenschaft, die in ihrem Hochmuthe über die wahre