Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- David Kaufmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Wissenschaftlichkeit in roher Weise sich hinwegsetzte, konnte er auch bitter werden. Für sich selbst trat er nie ein in die Arena, als es aber galt die Ehre seines Meisters und Freundes Leopold Zunz zu vertheidigen, da scheute er nicht den Kampf aufzunehmen und mit schneidiger Waffe zu Ende zu führen. Wenn wir das weite Arbeitsfeld David Kaufmanns betrachten, die reichen Erträgnisse seiner körperlichen und geistigen Kraft und sein kühnes Vordringen aufungebahnten Wegen bewundern, so muß uns eine tiefe Trauer beschleichen, darüber, daß das Leben dieses gewaltigen Arbeiters so jäh und ftühzeitig gefällt wurde, bevor er sein Tagwerk vollenden konnte. Der Sammelfleiß von drei Decennien, die aufgehäuften wissenschaftlichen Barren — sie liegen da, und der Meister, der sie alle formen und zu Werken gestalten sollte, hat die Augen geschlossen für immer. Was hätte er alles noch leisten können, wenn ihm ein längeres Leben beschieden gewesen wäre? — Nachdem er auf allen Gebieten seinen Blick geweitet, durch anhaltende Arbeit seine Kraft gestählt, hätte er wohl in den nächsten Decennien an die Lösung der größten Aufgaben mit sicherem Erfolge schreiten können. Wohin ihn der Geist gelenkt, wer vermag es zu sagen? — aber wo immer er einen Bau aufgeführt hätte, es wäre ein Monument für die Ewigkeit. Nun ist die Hoffnung dahin und wir müssen uns mit dem reichen Erbe begnügen, einem kostbaren Schatz, auf den jede Litteratur stolz sein dürfte. Kaufmann war lichtempfindend wie kaum Jemand, er saugte das Licht mit Gier auf. In seinem Innern war der Glühpunkt, in dem sich alle Strahlen vereinigten und von dem aus die fernsten Gebiete der jüdischen Wissenschaft mit dem ihm eigentümlichen warmen Lichte erleuchtet worden sind. In dem steten Einsaugen und Ausströmen von Licht hat sich sein kostbares Leben aufgezehrt. Das Licht aber, das er angezündet, wird noch den spätesten Generationen leuchten.