Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- David Kaufmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 200 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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200 kennzeichnend sei hervorgehoben, daß für „die Sinne" nahezu 300 Werke aus den verschiedensten Zeiten und mannigfachsten Litteraturgebieten und in verschiedenen Sprachen durchgearbeitet oder benutzt worden sind, wobei man in gleicher Weise die philosophischen als auch die realen Kenntnisse auf naturwissenschaftlichem Gebiet bewundern muß. Den Anstoß zu dieser Arbeit über die Sinne mag Kaufmann seine Beschäftigung mit der neuen experimentellen Richtung der Philosophie gegeben haben, zu der er in seiner Weise Stellung genommen hat. Sie ist eine neue Aeußerung des ihn stets auftegenden Kampfes zwischen Universalismus und Judenthum. Bei seiner geradezu leidenschaftlichen Bewunderung für die Fortschritte der Naturwissenschaften gereichte es ihm zur innery Befriedigung, den Antheil des Judenthums daran mindestens historisch festzustellen. Es ist geradezu rührend zu sehen, wie er neidlos der naturwissenschaftlichen Forschung huldigt, aber auch für die Geisteswissenschaften gebührende Anerkennung fordert. In klassischer Weise bringt er seine Stellung zu beiden durch folgende Sätze zum Ausdruck (N. Fr. Pr., 14. Dez. 1895): „In das, was nicht mehr bekannt, und in das, was noch nicht bekannt war, theilt sich die Gesammtheit der menschlichen Entdeckungen. Jenes die Hälfte, die den Geisteswissenschaften, dieses die Hälfte, die den Naturwissenschaften zugefallen ist. Es sind zwei Arme der Menschheit, der Arm der Verteidigung und der Arm der Eroberung. Wenn jener erhält und zurückgewinnt, so ist es dieser, der schafft, erwirbt und die Grenzen hinausrückt. Unsere Zeit hat den erobernden Entdeckungen die Palme gereicht und von den stillern Siegesthaten der Geisteswissenschaften wie von unftuchtbaren Spielen des Verstandes sich abgewendet. Aber so lange das höchste Studium des Menschen der Mensch bleibt und die edelsten Aspirationen, die weltgeschichtlich bedeutendsten Hervorbringungen des Menschengeistes selbst neben dem Hunde des Physiologen und dem Ofen des Chemikers ihren Werth behalten, wird es eine Gemeinde geben, in der die Sorge um die Kronjuwelen im Diadem der Künste und Literaturen und jede neue Wahrnehmung an den Offenbarungen unseres Ueberlieferungsschatzes Dankbarkeit und Bewunderung weckt.