Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 27)
- Language
- German
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193 den. Die Aufgabe der hebräischen Litteratur müßte sein, die Judenheit aus ihrer geistigen Jsolirtheit herauszureißen, ohne jedoch die jüdisch-nationale Individualität zu verleugnen. Als Söhne eines alten Kulturvolkes müßten die Juden aufhören, um Duldung zu betteln; auf ein eignes nationales Dasein hätten sie ebenso Anspruch, wie jedes andere Kultur- Volk. Hingegen dürste die jüdische Kultur nicht als etwas Abgeschlossenes gelten, vielmehr sei sie einer weiteren Ent- Wicklung fähig, und sie bedürfen einer solchen dringend. Als das größte Mißgeschick des jüdischen Stammes bezeichnet Ginzberg den Umstand, daß seine Kultur im Laufe der Zeit antiquirt worden sei, daß sie ״im Buchstaben verkümmerte"; die Judenheit solle wiederum im jüdisch-nationalen Sinn schöpferisch werden, nicht etwa um eine besondere Mission unter den Kulturvölkern zu übernehmen, sondern um sich selbst zu genügen, um sich geistig voll auszuleben. Die Lage der westeuropäischen Judenheit, die wohl bürgerlich besser gestellt sei, aber dafür sich jeder nationalen Lebensäußerung enthalten müsse, sei viel ungünstiger als die Lage der Juden in Rußland, wo sie ihr nationales Dasein nicht zu verleugnen hätten. Nichtsdestoweniger ist Ginzberg vielleicht der entschiedenste Gegner des politischen Zionismus, weil er in diesem eine Profanation des jüdischen Nationalideals findet. In der Litteratur vertritt Ginzberg den Standpunkt, daß die hebräische Sprache zur Zeit nicht mehr als Mittel zur Verbreitung allgemeiner Bildung unter den Juden dienen dürfe; jeder Jude müsse die Landessprache erlernen, und durch sie sich allgemeine Bildung aneignen; die hebräische Sprache sei das Organ der jüdischen Wissenschaft und der litterarischen und nationalen Bedürfnisse der Judenheit. Die spiritistische, occultistische und symbolische Richtung bekämpft Ginzberg mit Entschiedenheit, fast bis zur Einseitigkeit. Er haßt alles Unklare, Verschwommene, Mystische; in allen litterarischen Erscheinungen sucht er die logische und philosophische Auffassung der Dinge. In diesem Sinne redigirt er seit drei Jahren die Monatsschrift ״Haschiloach", die unstreitig das gediegenste Journal in der hebräischen Sprache ist und sich sehr gut an der Seite ähnlicher Journale in der deutschen, französischen oder englischen Sprache sehen lassen kann. Wissenschaft: 13