Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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192 geherrscht hatte. Mit dem Rufe zur Rückkehr ins Mittelalter, das sah man ein, läßt sich keine nationale Bewegung schaffen und noch weniger auf die Dauer leiten. Das Leben stellt Anspräche, die unmöglich zurückgewiesen werden können. Es hieß somit, praktisch thätig sein und namentlich für das Lesebedürsniß der Jugend, die in ganz anderen Anschauungen ausgewachsen ist, Sorge zu tragen. Die Schriftsteller aus der alten Schule mit ihren verblaßten Idealen von Aufklärung und Assimilation traten immer mehr in den Hintergrund. Indessen kam es auch zwischen den Jungen zu Auseinandersetzungen, und zur Zeit kann man deutlich zwei litterarische Richtungen in der hebräischen Sprache unterscheiden, die sich gegenseitig den Boden streitig machen. Jedenfalls herrscht da ein überaus reges Leben. Die eine Richtung besteht in dem Bestreben, die hebräische Litteratur ganz von den alten Traditionen zu emanzipiren, und sie, wenn auch auf nationaler Basis, doch ganz zu modernisiren. Dieses Ziel schwebte einigen begabten Publizisten (Frischmann, Kantor) vor, die insbesondere das moderne Feuilleton im Hebräischen mit viel Geschmack pflegten. Ein Theil dieser ״Modernen" ist sogar zum Occultismus übergegangen, um ja mit der Zeit gleichen Schritt zu halten. Diese Richtung hat einen sehr begabten Dichter, I. L. P erez, auszuweisen, der große Aehnlichkeit mit Maurice Maeterlinck hat. Auf ein großes Publikum kann aber der Occultismus ebensowenig wie der brutale Realismus rechnen, den man ebenfalls in die hebräische Litteratur einzusühren versucht hat. Zur Zeit scheint die andere litterarische Richtung, deren hervorragendster Vertreter der geistvolle und kenntnißreiche Publicist U. Ginzb erg in Odessa ist, die Ueberhand gewinnen zu wollen. 11. Ginzberg ist vor etwa 10 Jahren in der hebräischen Litteratur zuerst aufgetreten. Er frappirte gleich durch espritvolle Schreibweise, die von tiefem Erfassen der Dinge zeugte. Von vielseitiger, insbesondere philosophischer Bildung, trat er in der Publizistik für die Vertiefung der Judenfrage ein, die aufhören müßte, eine religiöse oder auch nur ökonomische Frage zu sein, vielmehr soll sie in erster Reihe vom Standpunkt der Kulturentwicklung beleuchtet wer-