Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113003--0841-3113205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
186 Hebräische eine Naturgeschichte in seinem prächtigen, leicht verständlichen und anziehlichen Stil. In den letzten Jahrerr ist er wiederum als Romandichter ausgetreten, aber in ganz anderm Genre. Er ist ein Meister in der Ghettodichtung, von einem Realismus, der kaum seines Gleichen kennt. Jeder Tendenzmalerei abhold, schildert er das Ghettoleben mit all seinen Vorzügen und Fehlern, mit all seinen Sonderlichkeiten, Bizarrerien, ohne romantischen Beigeschmack. In seiner Klein- Malerei erreicht er oft Dickens, übertrifft ihn sogar zuweilen an echtem Humor. Dazu führt Abramowitsch eine eigenthümliche Sprache, deren Zauber unbeschreiblich ist. Sein Roman ״Im Jammerthal", der in der Composition mit Dickens ״Pickwickers" Aehnlichkeit hat (lose an einander gereihte Begebenheiten), ist ein köstlicher Schatz an gesundem, lebensvollem Humor, und dabei so tief ernst und durch und durch tragisch! Man wird bei der Lectüre bald von der Tragik auf's höchste erregt, bald wiederum fühlt man sich durch den Humor wie von einem Albdruck beffeit. Der Gesammteindruck bleibt aber nachhaltig und unverwischbar. Der Schule der Aufklärung gehörte auch der vor Kurzem im hohen Alter verstorbene A. B. Gottlober an. Er war im gewifsen Sinne ein Schüler Jsak Bär Löwensohns; gleich diesem stammt er aus Volhynien, war kenntnisreich und vielseitig. Er förderte die Aufklärung in populär-wissenschaftlichen Schriften, durch publizistische Aufsätze und auch als Dichter und Erzähler. Ohne auf irgend einem Gebiete besonders hervorragend zu sein, zeigte er sich jedoch auf vielen recht heimisch. Ihm wurde das Loos zu Theil, zuerst überschätzt zu werden, um dann noch bei Lebenszeiten vergessen und verschollen zu sein. Diese Unterschätzung des unstreitig sehr verdienstvollen und begabten Schriftstellers ist aber gewiß noch ungerechter als die Ueberschwänglichkeit, mit der er früher allseitig gefeiert wurde. Anfangs der siebziger Jahre hat. der jüdische ״Kulturkampf", wenn man sich so ausdrücken darf, den höchsten Punkt erreicht. Um diese Zeit trat als Publizist und Ro- Manenschriftsteller — Dichter darf man nicht sagen — der auch in der westeuropäischen Judenheit einigermaßen bekannte Perez Smolensky auf. Es war dies eine eigenartige Er-