Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 185 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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185 die das tägliche Leben berühren. Die Abschaffung einer großen Zahl von Erschwerungen, die ihm im rabbinischen Judenthum nicht begründet schienen, und das Heraustreten aus dem religiösen Ghetto, dies war das Ziel, zu dem Lilienblum hinstrebte. Was Gordon in poetischer Form verfocht, dafür trat Lilienblum in publizistisch-kritischen Aufsätzen mit seiner wilden Energie, ich möchte sagen, mit seinem Fanatismus ein. Aber seine Worte mußten um so eher zündend auf die Jugend wirken, als man es ihnen ansah, daß sie die eigenen bittern Erfahrungen, die eigenen Leiden des Verfassers fchildern. Lilienblum zeigte sich besonders ״gesinnungstüchtig", sein Stil, lebhaft, eindringend, leidenschaftlich, läßt erkennen, daß alles was er schrieb, ״mit dem Blut seines Herzens nnd mit dem Safte seiner Nerven" geschrieben war. Als Anfangs der siebziger Jahre׳ seine ״Bekenntnisse" (unter dem Titel ״Jugendsünden"), erschienen waren, erregten sie unter der jüdischen Jugend Rußlands einen wahren Sturm. Dieses Buch ist mehr als eine Autobiographie, es bietet eine erschütternde Tragödie des Alltagslebens, wie Maeterlinck sagen würde; jedenfalls wird es künftigen Historikern als ein kulturhistorisches Dokument dienen. Lilienblum, der jetzt als Beamter der jüdischen Gemeinde in Odessa lebt, hat seitdem seine Sturm- und Drangperiode überwunden und auch seinen reformatorischen Idealen entsagt. Mit derselben Leidenschaftlichkeit aber und auch mit derselben ehrlichen Einseitigkeit tritt er jetzt für die zionistisch-nationalen Bestrebungen ein, denen er sich schon Anfangs der achtziger Jahre mit Eifer angeschlossen hat. Derselben Tendenz der Aufklärung diente auch S. I. Abramowitsch mit seiner reizenden Erzählung: ״Väter und Söhne", in der zwei Generationen, die ältere bildungsfeindliche und hyperorthodoxe und die junge, nach Bildung und geistiger Befreiung strebende, neben einander und gegen einander gestellt sind. Abramowitsch zeigt sich in dieser Erzählung als gemüthvoller Dichter, der wohl den Kampf kennt, aber die Versöhnung liebt. Nach vielen Reibungen und Kämpfen läßt er die Alten sich mit den Bestrebungen der Jüngern aussöhnen. Später verließ Abramowitsch dies Gebiet, er trat publizistisch für die neue Zeit ein, übersetzte ins