Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 18)
- Language
- German
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184 er biblische Stoffe behandelte (so z. B. das Epos ״König Zidkija im Gefängniß", ״Unter den Löwen")/ enthalten eine polemische Stachel. Gordon war unstreitig ein großer Dichter, wenn ihm auch in letzter Zeit dieser Ruhmestitel streitig gemacht wird. Er war freilich kein Symbolist, kein Occultist und kein decadenter Romanenschreiber, sondern eine gesunde dichterische Natur von großem Realismus. Man darf auf ihn das Wort Börners anwenden, er wollte die Wahrheit nackt, aber nicht geschunden sehen. Trotz seines Realismus verleugnete er niemals seine poetische Aufgabe. In seinem prächtigen erzählenden Gedicht ״Um ein Jota" verhöhnte er den Rabbiner, der ״um ein Jota" (in einem Scheidebrief) ein armes Weib um ihr Glück gebracht hatin seinem ״Zwei Männer desselben Namens" (Schen6 Joses ben Schimon) wird die Tyrannei, welche die Gemeinde-Despoten in den russischen Gemeinden ausübten, ergreifend und mit erschütternder Tragik geschildert; in seinem ״Um ein Gerstenkorn" polemisirt er gegen die minutiösen Religionsvorschriften am Pessachfest. Dieselbe antirabbinifche Tendenz herrscht in allen späteren Gedichten Gordons vor, namentlich in seinen ״Fabeln für große Kinder". Seine prosaischen Erzählungen sind wahre Perlen von Humor und Kleinmalerei. Das Ghettoleben mit all seinen Licht- und Schattenbildern findet da eine naturgetreue Abbildung. Er ist in alle Einzelheiten des Ghettolebens gedrungen, die Perspective aber, von der er dieses Leben schildert, ist die der humoristischen Lebensanschauung. Gordon ist auch publizistisch mit großer Entschiedenheit für Aufklärung und religiöse Reform eingetreten. In diesen Bestrebungen fand er in den sechziger Jahren eine große Anzahl von Gesinnungsgenossen. Der konsequenteste Verfechter der Reformbestrebungen unter den russischen Juden war damals M. L. Lilienblum, dessen umfassende Kenntniß der talmudischen Litteratur ihn für diesen Kampf besonders befähigt erscheinen ließ. Lilienblum wollte keine religiöse Reform nach Muster der in der westeuropäischen Judenheit vorhandenen; nicht um Aenderungen im öffentlichen Gottesdienst handelte es sich bei ihm, sondern um Reformen,