Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
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178 Für die poetische und belletristische Litteratur war solchergestalt kein Boden mehr sowohl in Deutschland wie auch in Oesterreich. Als Dichter galt seiner Zeit der aus Zolkiew (Galizien) stammende M. Letteris, der indessen ebenfalls nichts Bleibendes geschaffen hat. Die wenigen guten Gedichte, die wir von chm haben, verlieren viel an Werth durch ihre vernachlässigte Form, durch die zahllosen sprachlichen und grammatikalischen Schnitzer, die ihnen anhaften. Sie sind auch zur Zeit fast vergessen und verschollen. Die galizische Schule, die so hoffnungsvoll und vielverheißend begönnen hatte, nahm kein rühmliches Ende in den von M. E. Stern und Anderen herausgegebenen ״Kochbe - Jizchak". Die Versuche, die ein junger, begabter Schriftsteller aus Galizien, Naftali Keller machte, konnten ebenfalls kein gedeihliches Resultat zeitigen, da dieser Schriftsteller, der ein nicht unbedeutendes Erzählertalent gezeigt hatte, arm und hilflos im Alter von sechsundzwanzig Jahren starb. II. Einen großen Aufschwung sollte die neue hebräische Litteratur erst in Rußland nehmen, wo sie zwar viel später als in Deutschland und in Oesterreich anfing, aber dafür die Litteraturepoche in den genannten Staaten bei weitem überflügelte. In Rußland hat sich die hebräische Sprache in der letzten Zeit zu einer fast lebenden entfaltet. Sie besitzt dort Tageblätter, Journale, Jahrbücher, und alljährlich erscheinen mehrere hundert neue Bücher, die auch gelesen und sogar — gekauft werden. Die Entwickelung der hebräischen Litteratur befindet sich in Rußland noch immer in aufsteigender Linie, von dort aus wird auch die Judenheit in den anderen Staaten, bis nach Südaftika, Südamerika und Australien, mit in diese Bewegung gezogen, und wenn nicht eine unerwartete Störung eintritt, dürfen wir uns von dieser Ent- Wickelung der Dinge sehr viel Ersprießliches versprechen. Im gewissen Sinne ist die hebräische Sprache für einen nicht unbeträchtlichen Theil der Judenheit bereits wieder eine lebendige Sprache geworden. In Rußland und Galizien kann man jetzt häufig auch jungen Mädchen begegnen, die nicht nur das