Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 7)
- Language
- German
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173 Musivstil wurde auch der ganze nachbiblische Wortschätz verbannt. Das gute Beispiel Mendelssohns haben die neuen Schriftsteller, die man gewöhnlich als die ״Meaßphim" bezeichnet, nicht besolgt. Es folgte daraus, daß der Musivstil nicht ganz aushörte, sondern in seiner ursprünglichen Form wieder hergestellt wurde. Man benutzte nur noch biblische Redewendungen, wodurch die Sprache wohl verständlicher, aber keineswegs natürlicher wurde. Freilich bei großem Geschick konnten auch in dem biblischen Musivstil Schriften entstehen, die geradezu köstlich waren. Ich erinnere nur an das polemische Schriftchen M. I. Bresselaus, das er im ersten Hamburger Tempelstreit gegen die Rabbiner veröffentlichte (הרב נוקמת נקם ברית, Dessau 1818, anonym erschienen). Eine köstlichere Satire im Mustivstil kennt die hebräische Litteratur nicht. Denn gerade in der Doppelsinnigkeit der bekannten Rede- Wendungen liegt der eigenthümliche Zauber dieser Streitschrift, die Worte und Sätze aus früheren Schriften aus neue Ereignisse und Vorgänge anwendet. Bresselau verschmähte jedoch auch talmudische Redewendungen nicht, wo sie ihm zur Verhöhnung seiner Gegner dienen konnten. Natürlich wollen wir damit zu dem religiösen Streit selbst keine Stellung nehmen; es handelt sich hier ausschließlich nur um die sprachliche und stilistische Bedeutung dieses geistvollen Pamphlets*). Ein großer Mißstand war ferner, daß die neue Schule sofort in die Tendenzschriftstellerei verfiel. Die Mitarbeiter des ״Hameasseph" betrachteten es nämlich als ihre Aufgabe, unter den Juden Aufklärung und Liebe zu den profanen Wissenschaften zu verbreiten. An sich war die Bestrebung gewiß nur lobenswerth, aber dies hatte zur Folge, daß die Schriften jener Epoche einen polemischen, zuweilen sogar antireligiösen Charakter annahmen, und daß ferner die hebräische Sprache eigentlich nur als Uebergangsstadium dienen sollte. Mit der Zeit, in der sich die Juden allgemeine Bildung an- *) Dieses Schriftchen (mit dem Titelblatt 16 Seiten Kleinoktav) ist jetzt ziemlich selten. Ich habe es für mich abgeschrieben und werde es in meiner ״Geschichte der jüdischen Reformation" (hebräisch) als Anhang demnächst erscheinen lassen.