Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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172 konnte man sich dies am Ende noch gefallen lassen; denn bibelfest waren ja fast alle Leser. Aber später bürgerte sich die Unart ein, auch talmudische oder gar kabbalistische Redensarten im Stil einzuweben, zuweilen sogar eine Schrift aus lauter solchen Redewendungen zusammen zu setzen. Wer sollte dies nun verstehen? Eine solche große Belesenheit in dem ganzen hebräischen Schriftthum hatten doch nur die wenigsten Leser, und wenn man sie schon hatte, so waren die Redewendungen aus der nachbiblischen Litteratur keineswegs so geläufig, wie jene aus der Bibel. Bei jedem Satz mußte man nun innehalten und Nachdenken, um aus die Bedeutung der Worte zu kommen. Es handelte sich um lauter Räthsel, die der Leser zu rächen bekam. Daß dies auf die Dauer nicht gefallen konnte, ist somit einleuchtend. In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts war diese Unsitte am unerträglichsten geworden, und die Reaktion dagegen konnte nicht ausbleiben. Sie ging von Mendelssohns Kreis aus. Moses Mendelssohn selbst war ein vorzüglicher hebräischer Stilist, der zu den hervorragendsten aus. diesem Gebiete gezählt werden darf. Entsprechend seiner klaren Denkweise schrieb er auch klar und gemeinverständlich. Den Musivstil warf er über Bord, aber er verschmähte nicht den Sprachschatz der nachbiblischen Litteratur. Seine Einleitung in den Pentateuch und diejenigen Partien des Pentateuch-Commentars, die von ihm stammen, sind Musterbilder hebräischer Stilistik; sie erinnern an die Sprache Raschis, sie gleichen ihr an Klarheit, Präzision, Kürze und fließender Diction. Mendelssohn Stil gefiel auch den gebildeten Juden seiner Zeit, und als die epochemachende hebräische Zeitschrift ״Hameasseph" ins Leben gerufen werden sollte (1783) wurde ausdrücklich im ״Prospectus" auf die Verwilderung des hebräischen Stils hingewiesen und dessen Veredelung als die Hauptaufgabe des neuen Unternehmens bezeichnet. Der Musivstil, dessen sich damals die jüdischen Gelehrten bedienten, wurde in einem allerdings drastischen Pröbchen arg verhöhnt. Dies war nur recht und billig und hätte die besten Folgen für die Entwickelung der hebräischen Sprache haben können, wenn nicht gleich beim Beginn ein großer verhängnißvoller Fehler gemacht worden wäre: Mit dem