Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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171 — Schriftsprache wird man daher die poetischen Schöpfungen eines Jbn-Gabirol, eines Jehuda Ha-Levi oder eines Abra- Ham Jbn-Esra niemals ganz verstehen. Die Sprache der deutsch-französischen Schule (insbesondere, die Raschis) ist durch die reichlichere Benutzung der nachbiblischen Sprachelemente fließender, leichtverständlich und natürlich, während die Sprache der spanischen Schule wohl eleganter und poetischer klingt, aber oft ungenau und sehr beengt erscheint und zuweilen sogar unverständlich wird. Im zehnten Jahrhundert etwa (zuerst in dem bekannten Brief des Lexikographen und Grammatikers Menachem Jbn- Saruk an Chisdai Jbn - Schaprut) kam der sogenannte Musivstil auf, der später so sehr Mode wurde und viel die weitere Entwickelung der hebräischen Sprache zurückhielt. Was dieser Musivstil in der hebräischen Sprache eigentlich ist, können wir hier nur in aller Kürze sagen.— um ihn in allen seinen Formen zu beschreiben, bedürften wir eines umsangreichen Buches. Mau benutzte in der Schriftsprache ausschließlich nur biblische Verse oder Halbverse, die man an einander reihte; man sprach eigentlich nur in ״geflügelten Worten", da man bei den Lesern eine große Belesenheit in der heiligen Schrift voraussetzen durfte. Es übte dies einen eigenartigen Reiz aus, in Worten zu sprechen (d. h. zu schreiben), die in derselben Zusammensetzung bereits zu anderen Zwecken gedient haben. Man denke sich einen Brief in lauter Sätzen und Redewendungen aus Lessing, Göthe, Schiller und den anderen bekannten und volksthümlich gewordenen Schriftstellern und Dichtern. Wenn man dies geschickt macht, muß es jedenfalls interessant Vorkommen; aber daß darunter die Selbständigkeit und Originalität des Schriftstellers erheblich leidet, ist gewiß nicht in Abrede zu stellen. Manche Dichter aus der spanischen Schule haben sich des Musivstils mit der größten Diskretion bedient, und dies war dann schön; aber viele thaten dies in solchem Uebermaße, daß ihre Sprache schwülstig, überladen und unerträglich wurde. Später kam noch ein anderer Umstand hinzu, der diesen Musivstil noch mehr in Mißkredit brachte. Wenn die spanischen Juden (insbesondere in den Streitschriften für und Wider Maimonides) stets in biblischen Redewendungen schrieben.