Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Die neue hebräische Litteratur
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 2)
- Language
- German
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168 behielten, sind in der Folge entweder dem Judenthum ganz entfremdet worden — die griechisch redenden Juden sind zumeist im Christenthum ausgegangen — oder sie haben sich später, freilich nur in kleinen Ueberresten, dem jüdischen Stamme dadurch wieder angeschlossen, daß sie die hebräische Sprache als die Sprache der Gebete und der religiösen Vorträge annahmen. Es ist bis jetzt ein wichtiger Umstand nicht genügend beachtet worden, den ich hier besonders hervorheben möchte: die palästinensische Agada, die man, was Poetische Schönheit und ethischen Gehalt betrifft, ganz gut an die Seite des prophetischen Schristthums stellen darf, ist im rein hebräischen Idiom niedergeschrieben. Nur hin und wieder sind in ihr Aussprüche in der aramäisch-syrischen Volkssprache zu finden, in der auch der palästinensische (irrthümlich jerusalemitischer genannt) Talmud abgefaßt ist. Und was beweist dies? Wohl doch nur, daß die hebräische Sprache in Palästina als die der öffentlichen religiösen Vorträge galt und vom ganzen Volke verstanden worden ist. Es erhellt daraus, daß im achten und neunten nachchristlichen Jahrhundert wenigstens in Palästina viel mehr hebräisch gesprochen wurde, als es in der letzten Zeit des zweiten judäischen Reiches der Fall war. Wir haben somit zweifellos recht, wenn wir die hebräische Sprache nicht als eine ״todte" bezeichnen wollen. Sie war niemals in allen Theilen des jüdischen Stammes erstorben, sie blieb auch niemals blos aus die Gelehrten oder sogar nur auf die Gottesgelehrten beschränkt. Bis in. die letzte Zeit verstand ein großer Theil der Judenheit das Hebräische; in dieser Sprache wurde gebetet, aber auch, nicht nur literarisch, correspondirt. Die Geschäftsbücher, geschäftlichen Verträge, Gemeinde-Memoiren, Mittheilungen auf jedem Gebiete des privaten und des öffentlichen Lebens — all dies wurde in der hebräischen Sprache niedergeschrieben. Verstanden manche Juden das Hebräische nicht zur Genüge, so mußten sie im geschäftlichen Verkehr ihre Zuflucht zu . einem Schriftkundigen nehmen. Im klebrigen habe ich noch vor etwa zwanzig Jahren ein großes Kaufhaus in der Hauptstadt Ostpreußens gekannt, das zwar seit mehreren Generationen im Besitz von christlichen Patriziern war, aber der jüdischen Kunden wegen