Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 15)
- Language
- German
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163 III. Wie sie Brüder wurden. Dennoch sollte diese Freundschaft noch eine Festigung, noch eine Weihe erhalten. Zu dem Kapitel „Gemischte Gefühle" in Lazarus' „Ideale Fragen" konnte Steinthal eine neue eigene Erfahrung machen. Als im Jahre 1860 der ungewöhnliche Fall eintrat, daß Lazarus, ohne je Docent gewesen zu sein, lediglich aus seine Schriften hin, eine Professur an der Berner Universität angetragen wurde, und er den Antrag der Schweizer Regierung, (vom Professor Hildebrand übermittelt, der direkt nach Berlin gekommen war, Lazarus auch persönlich kennen zu lernen,) annahm, da war Steinthals Freude groß über diese außerordentliche Auszeichnung des Freundes; aber auch sein Schmerz war groß, denn die Annahme der Professur bedeutete ihm zugleich die Trennung vom Freunde, und für ihn selbst Aufgabe seiner bisherigen so überaus behaglichen und beglückenden Existenz als täglicher, gern gesehener, ja verwöhnter und betreuter Gast. Um ihm wenigstens die Wonne der vertrauten Umgebung zu belassen, beschloß Lazarus die Wohnung beizubehalten und Steinthal darin zu installiren und ihn der Fürsorge des eingeschulten und erprobten Dienstmädchens zu empfehlen. Zum Mittagessen mußte er freilich in eine Restauration gehen, und das war ihm entsetzlich. Die Übersiedelung Lazarus' mit Frau und den beiden Schwestern Esther und Jeannette fand statt. Als dann die Weihnachtsferien kamen — Dezember 60 — kehrte Lazarus für einige Tage wegen dringender Vormundschaftsgeschäfte nach Berlin zurück. Jetzt wohnte er zwar in seiner eigenen Wohnung, aber gleichsam als Gast bei Steinthal, und beide freuten sich des kurzen Glückes ihres Beisammenseins. Natürlich wurden auch sogleich aufgesparte Zeitschriftsangelegenheiten und wissenschaftliche Fragen erledigt, dann blieb Steinthal, wie gewöhnlich, in sich gekehrt und wortkarg. Aber seine Wortkargheit war diesmal besonderer Art, so daß Lazarus chn mehreremal prüfend beobachtete. Plötzlich unterbrach Steinthal das Schweigen. „Weißt Tu, Lazarus" — li*