Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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158 historischer Psychologie empfangen. Ich habe einen Aufsatz vor über die Entstehung der Schrift, als eine psychologische Thatsache aufgefaßt. Verhalten Sie sich hierzu mit Ihren Wünschen, wie Sie können; wir werden doch am Ende sehen, ob wir uns mit meiner Arbeit fteuen werden." In der Beharrlichkeit Steinthals lag seine Größe, aber Lazarus' Wort bedurfte er dazu wie einer Leuchte. Die Probleme zu entdecken und fortschreitend zu vertiefen war sein eifrigstes Bestreben. Aber die Denkarbeit von Wochen, durch gemeinsame Untersuchungen fortwährend gestachelt und gefördert, hat er dann oft in nur drei, vier Zeilen niedergelegt. Sein Erinnerungsvermögen war nicht scharf und sicher, aber in Lazarus' phänomenalen Gedächtniß fand er seine Ergänzung. Nicht selten kam es vor, daß er schon nach Monaten, — welche inzwischen mit anderen Gedankengängen ausgefüllt waren, — den wahren vollen Sinn jener drei, vier Zeilen selbst nicht mehr wiederfinden konnte. Dann wandte er sich an den Freund mit der äußerst naiven Frage: „Sag' mal, Lazarus, was habe ich denn da eigentlich lagen wollen?" — Und nun lebte für Beide der ganze Gedankengang erneuert und bestärkt wieder auf. So waren beide Männer Lehrer und Schüler für einander. Aber nicht blos Lehre und Kenntnisse hat Jeder von dem Anderen empfangen, das kann man auch aus Büchern und vom Katheder, sondern hier hat das docendo discinms in außerordentlicher Art seine Bewährung empfangen. Beide, verschiedenartige aber gleichstrebende Geister, jede Frage in Rede und Gegenrede erörternd, beide jung und ftisch und zugleich reif, — das ergab eine von Stunde zu Stunde steigende Wechselwirkung. Wahrlich, ein gesegnetes Verhältniß! — Wichtiger aber noch als die Auseinandersetzungen und Aufklärungen, die aus dem unablässigen Gedankenaustausch beider Männer zur Lösung von Fragen ihres gemeinsamen Forschergebietes sich ergaben, war ein Anderes Allgemeines, das der Kenntniß der Welt und selbst des vertrauteren Kreises sich fast gänzlich entzog und in seiner vollen Bedeutung nur den Beiden selbst bekannt war.