Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113002--0811-3113176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
157 erhalten blieb, — ohne ihn wäre er wohl nach China gegangen und vielleicht gar dort oder doch im Chinesischen sitzen geblieben. Den Kernpunkt ihrer Freundschaft bildete nun ihre gemeinsame Fortbildung in wechselseitiger Befruchtung zu schöpferischer Arbeit. „Wir müssen noch viel zusammen arbeiten," schreibt St. schon im April 1852. „Ich habe Ihnen wohl schon mitgetheilt, daß M. längst zur Herausgabe einer sprachwissenschaftlichen Zeitschrift angetrieben hat. Wie wär's, wenn wir eine Zeitschrift für psychische Ethnologie gründeten? Um die Sprachforscher anzulocken, die doch einen bedeutenden Leserkreis bilden würden, könnten wir einen Zusatz auf dem Titel machen, etwa: mit besonderer Berücksichtigung der Sprachen." — Nachdem nämlich Lazarus im Winter 1850—51 bereits den Gedanken einer Völkerpsychologie gefaßt und in Prutz „Deutsches Museum" in einer Abhandlung unter dem Titel: „Ueber den Begriff und die Möglichkeit einer Völkerpsychologie als Wissenschaft", veröffentlicht hatte, wurde Steinthal der treueste Pfleger dieses Gedankens. Bis zur endlichen Schöpfung und Herausgabe dieses weitgreifenden und hochbedeutsamen Unternehmens ist der Plan desselben das am fleißigsten und eifrigsten besprochene Thema aller schriftlichen und mündlichen Diskussionen und fortdauernd mußten Beide Hand in Hand dafür wirken, um durch persönlichen Verkehr und wissenschaftliche Korrespondenz der Zeitschrift eine Reihe bedeutender Mitarbeiter zu sichern. Uebrigens gebührt dem leider durch ein Unglück allzu früh verstorbenen gelehrten Mitinhaber der Verlagssirma „Ferdinand Dümmler", dem Dr. Harrwitz das Verdienst, auch buchhändlerisch zur Herausgabe der Zeitschrift gedrängt zu haben. Kein Tag verging ohne gegenseitiges Forschen, Fragen, Lehren und Lernen. War Lazarus einmal, wenn auch nur wenige Tage abwesend, folgten ihm Steinthals Briefe. Ein charakteristisches Briefzettelchen liegt vor vom Mai 52. „Lieber Lazarus! Nur ein paar Worte heute: nicht weil ein Mehreres wegen Ihrer nahen Ankunft nicht noch thäte; denn unter uns ist ja überhaupt keine Noth, sondern ich arbeite und zwar nicht blos chinesisch, was mich eher zu einem Briefe treiben würde, sondern ich will Sie mit einem Stückchen