Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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156 „Geld zu verdienen". „Ich passe nun einmal zu gewissen Dingen nicht," schreibt er am 4. April 1854 aus Paris. „Aber die Notwendigkeit zwingt mich, immerfort neue Verbuche zu machen. Ich sage nicht, daß es ein Fehler seitens der Vorsehung war, mich mit einem Naturell zu schaffen, das völlig unfähig ist Geld zu verdienen (weil völlig unfähig. Anderen zu dienen) und mir dennoch nicht zugleich ein Extracapital gegeben zu haben, wobei ich mir selbst ruhig und frei hätte leben können: ich sage nicht, daß dieser Widerspruch in meiner inneren und äußeren Ausstattung ein Fehler war, aber ein Unglück, eine Plage ist er, und immer mehr suche ich mich an den Gedanken zu gewöhnen, daß mich diese Plage in diesem Leben nicht verläßt. Ich werde nie wieder schöne Tage sehen, denn, hier giebts keine und in der „Stadt der Intelligenz" —? Wo sind die Staatsmänner „von perikleischer Hoheit der Gesinnung"? Du lieber Gott, ich werde leben und werde sterben, und in jedem Falle, das weiß ich, mit halber Ruhe sterben, wie ich mit halber Ruhe gelebt habe". — Nun, ein „Staatsmann von perikleischer Gesinnung" fand sich nicht, aber der Freund war da. Lazarus antwortet ihm:. „Laß die Franzosen und die Sinologie lausen, Steinthal! Kehre zurück und mache Dir keine Sorge. So lange ich zu essen habe, hast Du es auch. Du nimmst wieder, wie früher eine Wohnung in meiner nächsten Nähe. Morgens kochst Du dir Den Kaffee, wie seit fünfzehn Jahren*) — Mittags und Abends speisest Du mit uns. Du hast also nur für Miethe und Kleidung zu sorgen, und auch diese Sorge, weißt Du ja, tragen wir zusammen." — Und Steinthal kehrte nach Berlin zurück. Er sah wieder „schöne Tage" und durfte „ruhig und frei" sein fruchtreiches Gedankenleben weiterführen. — Ich darf wohl sagen: Deutschland hat es Lazarus zu danken, daß Steinthal den Deutschen *) Mein Hausfrauengemüth reizt es hier, ein echt Steinthalsches Curiosum wieder zu erzählen: Um Zeit und Spiritus zu sparen, hatte Steinthal als Student wochenlang den Kaffee Abends mit kaltem Wasser angeseht, und am anderen Morgen trank er dies Zeug mit Todesverachtung aus! —