Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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155 der Sprachwissenschaft (Linguistik) hervorgegangen; die erstere ist in dem Buche „Logik, Grammatik und Psychologie" niedergelegt; ein schweres und schwerwiegendes Buch, immer noch und immer wieder lesenswerth, welches vielleicht am meisten von allen Steinthal'schen Schriften eine neue Art und Stufe wissenschaftlicher Sprachbetrachtung und den Erfolg der Verbindung von Psychologie und Sprachwissenschaft ans Licht gestellt hat. Höchst charakteristisch lautet das Motto desselben: „Denken ist schwer." Ein Satz, der noch langehin immer nur von den „erlesensten Forschern ganz verstanden und begriffen werden wird", — meint Lazarus. Wie und wie viel in den Pariser drei Jahren lürguistisch von Steinthal gearbeitet worden ist, das beweist *fchon die einzige Thatsache, daß er zweimal den großen Vo lney'schen Preis, einmal für die Grammatik von vier afrikanischen Sprachen und das andere Mal mit der Abhandlung über einen chinesischen Dialeet erhalten hat. Man muß dabei bedenken, daß dieser Preis nicht für Arbeiten über gestellte Themata, sondern über die beste der freigewählten Abhandlungen ertheilt wird. — Daneben war St. anderthalb Jahre lang Hauslehrer, ertheilte Sprachunterricht u. s. w. Endlich hatte er aber seine Studien vollendet, und er stand nun vor der Frage: was nun? Auf der einen Seite stand Sprachphilosophie und Rückkehr nach Deutschland ins Docentenleben, — auf der anderen Seite Linguistik und zwar vorzugsweise Chinesisch und Eintritt in den französischen Staatsdienst. Durch seine beiden Lehrer des Chinesischen, Bazin und Julien, war ihm eine Stelle in der chinesischen Gesandtschaft unter ungefähr folgenden Bedingungen angeboten: auf fünf Jahre fest nach China gehen — gegen hohes Gehalt —, nach der Rückkehr eine Anstellung an der Kaiserlichen Bibliothek, beziehungsweise später auch eine Lehrstelle. Seine Sehnsucht jedoch ging in die Heimath. Aber wovon leben? Man weiß, wie es mit dem Privat-Dozentenloos bestellt ist und Steinthal gar war der geborene Sorgenspinner. Seine Briefe sind voll verdrießlicher,' ja, oft tiefschmerzlicher Klagen, daß er es weder journalistisch noch sonst wie verstände