Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Wie Steinthal und Lazarus Brüder wurden
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Inzwischen stellte sich bei Steinthal die tiefe Neigung und seine hohe Begabung für linguistische Studien immer deutlicher und zwingender heraus und er beschloß nach Paris und London zu gehen. Vorher aber besuchte er sein Geburtsstädtchen Gröbzig, wo seine Mutter und mehrere Verwandte lebten. Er hing sicherlich mit seinen geheimsten Lebensfasern an dem bescheidenen Ort seiner Geburt, doch wie nahe ihn der Gegensatz berührte zu dem, was er in Berlin empfangen, mag folgende Stelle aus einem langen Brief vom 6. April 1852 illustriren. Nachdem er sich selbst ironisirt (was er gern that) und, nicht ohne Berechtigung, seinen eigenen „sentimentalen Character" kritisirt und dann, abschweifend, von allerhand „Bettelsuppen" und anderen „langen Saucen ohne Brocken" wehmütig-sarkastisch plaudert, spricht er sich über seine Alters- und Glaubensgenossen aus: „Die Leute hier interessiren mich wenig. Das nächst herankommende Geschlecht, die jungen Leute im Alter etwa von 20 Jahren, sind mir sogar unangenehm. Ohne naive Religiosität, wie die älteren Männer hier sie haben, und ohne Bildung, aber eingebildet,— aufgeklärt, aber ohne Begeisterung, ohne Gefühl für Höheres, — es ist genug! Widerwärtige Erscheinungen! — Was jetzt noch von „Religiosität" an ihnen hervortritt ist Feigheit, und nicht höher zu achten als Gespensterfurcht." Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, daß diese Worte geschrieben worden sind und wie modern erscheinen sie! H. Duzfreundschast. Ein halbes Jahr später begab er sich auf die Reise nach England und Frankreich. Unterwegs, in Köln, im ersten Brief, ohne jede Einleitung oder Anfrage wendet er plötzlich das trauliche, brüderliche „Du" an, was Lazarus ebenfalls in seinen Antworten ohne Weiteres acceptirte. Die Sache hatte insofern eine gewisse Bedeutung, als es im Naturell Steinthals lag, einen solchen formellen Anschluß schwer zu finden, wie er denn auch in seinem ganzen Leben —