Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 15)
- Language
- German
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147 Kräfte keinen Augenblick*). Er schlief ungleich weniger als Napoleon der Erste. Seine Schüler bezeugen, daß er kaum zwei Stunden die Nacht, und zwar nicht ununterbrochen, dem Schlafe ftöhnte. Trotzdem blieb sein Geist hell und klar, gesund und elastisch bis zum letzten Atemzuge. Seine Redeweise war stets knapp, klar und entschieden; auf seine Umgebung hatte sie immer die Wirkung, wie wenn eine kräftig geladene elektrische Batterie sich entlädt. Betrachten wir diesen festgefügten geistigen Organismus und dieses so erhabene und schlichte Leben, so können wir — bei Vermeidung aller Uebertreibungen — ihn nicht anders denn als einen Uebermenschen bezeichnen, dieses -Epitheton nicht im Nietzsche'schen, sondern in einem ungleich höheren, lauterern und heiligeren Sinne genommen. Bei Nietzsche heißt es**): „Eine Nation ist ein Umschweif der Natur, um zu einigen großen Menschen zu gelangen. Das allein und nichts anderes ist ihr Ziel." Und schon Renan schrieb***): „Der letzte Zweck aller Anstrengungen des Menschengeschlechtes ist im Grunde kein anderer, als große Menschen in die Welt zu bringen. Die Welt wird nur durch große Individualitäten erlöst werden ..." Doch er, trotz seiner geistigen Größe, trotzdem er, um in der Sprache seiner Zeitgenossen zu reden, „einem Engel des Herrn der Heerschaaren" glich, war in seinen eigenen Augen nicht mehr, als ein alltäglicher Mensch, ein Mann aus dem Volke, ein gewöhnlicher Jude. Nichts lag chm wohl ferner, als auf die große Menge herabzusehen, als wäre sie nur der Umschweif der Natur, um zu einigen Persönlichkeiten von seinem Rang zu gelangen. Er forderte nicht, daß man vor chm auf die Knie sinke, sich ihm unterwerfe und seine Ueberlegenheit anerkenne. Er strebte nie nach dem Purpur, nach dem Lorbeerkranz und nach dem *) „Mir war es unmöglich, den Grad seiner Gewissenhaftigkeit zu erreichen. Es ist für den, der es nicht mit eigenen Augen gesehen, unglaublich, was für Mühe er sich gab, um die geringste Einzelheit der Thora zu erfassen und. genau zu durchdringen." (R. CH. von Wolosin, in seinem Schreiben über die Jeschiba.) **) „Unzeitgemäße Betrachtungen", S. 16. ***) „Dialognes et fragments philosophiques“ S. 103. 10*