Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Seinem Studium widmete er Tage und Nächte im buchstäblichen Sinne des Wortes*). Er gönnte sich keinen Augenblick Ruhe, da er ihrer nicht bedurfte, weil er keine Ermüdung, keine Mattigkeit kannte. Nie ließ seine Lust zur Arbeit nach, und sie bedurfte keinerlei künstlicher Anstachelung von Außen. Sein Geist offenbarte sich nicht funkenweise, nicht durch ein Aufblitzen von Zeit zu Zeit, sondern er glich einer Flamme, die ununterbrochen in stiller Gluth leuchtet, ohne sich für eine Sekunde zu trüben. Seine Energie erfuhr bis zum letzten Augenblick niemals eine Schwächung oder Herabmindernng. Geniale Menschen, wenn sie auch keine Anzeichen von Wahnsinn, Abnormität oder Verrücktheit aufweisen, so erleben sie doch tragische Momente inneren Erschlaffens, geistiger Verdüsterung. Anders war er. Seine gesunde, stets strahlende Intelligenz kannte keine Stunden des Sinkens und Erlahmens. In seinem Leben gibt es keine Scharten und Risse. Wenn man dem seinigen das Leben eines Zeitgenossen und Landsmanns, des Philosophen Salomon Maimon, entgegenhäll, wird man der ganzen Harmonie und Einheitlichkeit inne, die den Ersteren kennzeichnet. In seinem Leben gab es keine profanen Augenblicke, keine Stunde, die nicht wechevoll gewesen wäre. Er hat sein Hirn unaufhörlich in wissenschaftlicher Arbeit angestrengt, ohne sich jemals bei leichter, unterhaltender Lektüre, die keine Verstandesarbeit erfordert, oder bei müßigem Gespräch über alltägliche Dinge Erholung zu gönnen. Darwin pflegte täglich einige Zeit dem Lesen von Romanen zu widmen, um seinen abgespannten Geist ausruhen zu lassen. Moltke las in den Tagen von Sedan im Dickens, um sich zu zerstreuen. Er, der Gaon, dagegen, kannte keinerlei Bedürfnis nach geistigem Rasten. Selbst der fürchterliche Mangel, dem er ausgesetzt war, lähmte seine *) R. Chajim von Wolosin, Oberhaupt der berühmten Jeschiba, erzählte, daß der Gaon einmal auf einen schwierigen Text im Jeruschalmi stieß, was ihm so große Anstrengung und Kummer verursachte, daß er drei Tage lang keine Speise zu sich nahm, an Kopfschmerzen litt und eine fahle Gesichtsfarbe bekam. Erst als ihm eine einigermaßen plausible Erklärung der fraglichen Stelle aufdämmerte, entfernte er die Binde vom Kopfe und ließ sich etwas zu essen reichen. (Alioth Eliahu, Seite 33')