Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 16)
- Language
- German
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148 Weihrauch. Schlichtheit, Keuschheit und Frömmigkeit waren die wesentlichen Merkmale dieses echt jüdischen Genies. Angezogen von der Schönheit der Gebote Gottes, von den Wonnen, welche das Forschen in der Thora und die Ergründung der Wissenschaft gewähren, hatte sein Geist keinen Raum für die leiseste selbstsüchtige Regung. Aber wenn dieser unstreitig geniale Geist weder neue moralische Werte geschaffen, noch das menschliche Dasein bereichert und vertieft, weder neue Horizonte im Reiche des Gedankens entdeckt, noch unser Wissen von Natur und Mensch erweitert hat, so lag dies an den zeitlichen und örtlichen Umständen unter denen er auftrat, und die eine fruchtbare und schöpferische Thätigkeit ausschlossen. Ihn erstickten die schweren und harten Bedingungen unseres ökonomischen und geistigen Daseins, sie hinderten seine Entfaltung, aber den wundervollen, unvergleichlichen Kern, die Potenz, vermochten sie nicht zu zerstören, und dieser legt Zeugniß ab von der geistigen Tüchtigkeit und Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes, dessen Verjüngung die herrlichsten Früchte zum Heile der ganzen Menschheit bringen könnte. Eliah Gaon starb am 19. Tischri 1788 im Alter von achtundsiebzig und einem halben Jahre.