Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111072-3113001--0797-3113163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 Gute und Lichtvolle aus der Umwelt in sich aufzunehmen. Sein Wahlspruch lautete: „Wem ein Grad in der Kenntniß der Wissenschaften mangelt, dem mangeln hundert Grade in der Kenntniß der Thora". Dieses Wort war das Ferment zu der geistigen Gährung, die damals unter den Juden ihren Anfang nahm. Die Fassungskraft des Gaon war von erstaunlicher Raschheit und Tragfähigkeit. Die Legende erzählt, daß er im Verlaufe von zwei Stunden fünfzig Blatt der schwierigsten Parthien des Talmud bewältigen konnte. Moleschott*) hat ausgerechnet, daß ein gewöhnlicher Mensch im Verlaufe einer Stunde höchstens dreihundert Begriffe percipiren kann, aber selbst ein hochbegabter Kopf kann nach seiner Behauptung nicht mehr als fünfhundert klare Begriffe während einer Stunde fassen. Daher ist das oben Erzählte sicherlich stark übertrieben; schließlich ist ja auch die geistige Thätigkeit eines Genies bestimmten psychischen Gesetzen unterworfen. Doch zeigen gerade diese übertriebenen Legenden, daß die Schnelligkeit seines Gedankens und die Spannweite seines Auffassungsvermögens die äußersten Grenzen des gewöhnlichen weit überschritten, weshalb sie das Staunen seiner Zeitgenossen und der Nachlebenden erregten. Er glich, um eine talmudische Parabel zu gebrauchen, einem mit Kalk überzogenen Behälter, in dem kein Tröpfchen verloren geht. Exners Wort: „Wer ist der Weiseste unter allen anderen? Wer am meisten unter allen anderen vergessen hat!" — würde an ihm zu Schanden. Um bildlich zu sprechen, könnte man die Organisation seiner Gedächtnißkraft einem Schrank mit vielen wohlgeordneten Schubläden vergleichen, von denen jeder einzelne einen anderen Gegenstand verwahrt. In der einen lag der ganze Talmud mitsammt seinem ganzen Rüstzeug, in der anderen die gesammte Midraschlitteratur, in einer dritten die Tosifta und so weiter. Und dies alles in wohlgegliederter, übersichtlicher Ordnung — mitten in der ringsum herrschenden Wirrniß! Die Grundkraft seines Intellekts war nicht die eines Sehers und Propheten, nicht die eines Dichters und Träumers,