Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 3 (1900)
- Article
- Der Gaon von Wilna
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 11)
- Language
- German
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143 Den Juden seines Heimathlandes war zu jener Zeit Bildung und Wissenschaft, ja selbst die Kenntniß der Landessprache vollständig fremd. Sie bedienten sich im Umgänge des Jargons; die polnische Kultursprache verstanden sie nicht, mit den gebildeten Schichten des Volkes standen sie in keinem Verkehr. Von dieser Seite her drang kein Lichtstrahl zu ihnen. Wohl nie seit Beginn der Diaspora waren die Juden von einer solchen Finsterniß, von einer solchen Unwissenheit umlagert. Der verdrehteste und verworrenste Pilpul herrschte nicht nur im Lehrhause, sondern auf allen Gebieten des Lebens. Nie zuvor war der gesunde Menschenverstand so sehr entartet, das klare logische Denken so weit in unserem Volke geschwunden. Dazu kam der verheerende Einfluß der Anhänger Sabbathai Zevi's, der, im Dunkeln schleichend, Herz und Seele zerftessen und vergiftet hatte. Den Rabbinern und sonstigen geistigen Führern fehlte jede wissenschaftliche Kenntniß der hebräischen Sprache, und unsere aus dem Mittelalter stammende wissenschaftliche Litteratur war ihnen fremd. Und just in diesem dunkeln Zeitalter hat Eliahs genialer Geist schon in jungen Jahren die Fesseln gesprengt und ist muthig über die engen Grenzen, die in seinem Geburtslande dem jüdischen Intellekt gezogen waren, hinausgeschritten, um Licht und Wissen zu suchen. Schon in frühester'Jugend war seine Studienweise beherrscht von strikter Ordnung und streng logischem Denken, er hat früh sich einen Pfad gefunden durch das unwirtliche Gestrüpp der rabbinischen Litteratur. Schon im jugendlichen Alter studirte er Grammatik, und drang in den Geist der hebräischen Sprache ein, trieb emsig Mathematik, Astronomie,*) und saugte begierig alle die Strahlen der Wissenschaft an sich, die in den hebräischen, originalen, oder aus dem Arabischen geflossenen Büchern des Mittelalters aufgehoben sind. In ihm verkörperte sich der Genius seines Volkes, der allerwärts und zu jeglicher Zeit bestrebt war, den engen Rahmen, in den die Wirklichkeit ihn einklemmte, zu durchbrechen, und das *) Ein Buch von ihm über Trigonometrie und höhere Analysis unter dem Titel „Ajil Meschulasch" erschien in Wilna 594. Handschriftlich sind einige Werke über Astronomie und Kalenderkunde vorhanden; Bruchstücke einer Grammatik erschienen im ersten Band des „Kenesseth Israel".